Zum 06.06.2004

Der 60igste Jahres Tag des D-Days.

Nach 60 Jahren nahm auch ein "deutscher W?rdentr?ger" erstmals an den Feierlichkeiten zum D-Day -welcher die Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus einleitete- teil.

Die Einladung war l?ngst ?berfl?ssig meinen "deutsche Politiker" und auch die Mehrheit der "franz?sichen Bev?lkerung" teilt diese Meinung.

Deutschland hat es also geschafft: nachdem man sich schon erfolgreich eine Opferrolle erstritten hatte, ist man nun auch "Siegermacht". "Die Deutschen" sind wieder da und einmal mehr wird suggeriert die nationalsozialistische F?hrung allein sei Schuld an dem damaligen Greul des 2WK und dem Holocaust.
Die Bev?lkerung -deren Vertretung sp?ter die Bundes Republik Deutschlands wurde- sei v?llig unschuldig und unbeteiligt und nehme dar?ber hinaus eine doppelte Opferrolle, als Opfer der NS-F?hrung und als Opfer der Allierten ein. Schon unter Kohl unternahm man den Versuch das "deutsche Volk" auf die Seite der Siegerm?chte zu hiefen, indem man im Juli 1994 eine Ausstellung mit dem Namen "Gegen Hitler: Deutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1933-1945" schuf.
Mit dieser Antwort auf die D-Day Feierlichkeiten versucht man einen "deutschen Widerstand" herbei zureden. Widerst?nde einzelner Menschen mit deutscher Staatsangeh?rigkeit wurden herrausgriff und zum "deutschen Widerstand" verkl?rt. Das es sich hierbei meist um individuellen Widerstand handelte der mit der deutschen Staatsangeh?rigkeit nichts zu tun hatte spricht f?r sich. Doch auch das der "Widerstand" der auf patriotischem Gedusel aufbaut und welcher zwar Hitler und einzelne Politikpunkte der NSDAP angriff, aber den Nationalsozialismus und deutsch Nationalismus nicht ablehnte zeigt mit deutlichkeit das es sich bei "deutschem" Widerstand" lediglich um einen Mythos handelt.

Wer zum "Siege Deutschlands" sich nach einem neuen F?hrer sehnt wie etwas Rommel oder Stauffenberg es taten, kann -von denkenden Menschen- wohl kaum als antifaschistischer Widerstand gefeiert werden.

Doch genau dies ist gelungen. Auch Deutschland ist nun Siegermacht und die Deutschen sind Opfer des Faschismus.

Kritik wird daran im ?bringen keine Laut: W?hrend sich die Allgemeinheit dar?ber freut das Deutschland nun auf den Feierlichkeiten repr?sentiert ist, demonstriert die "franz?siche Linke" auf den Stra?en gegen den Besuch von G.W.Bush.
Offiziell wird zwar vermieden die Demonstrationen mit dem D-Day in Verbindung zu bringen, doch gelingen mag das nicht. Liest man jedoch z.B. den Aufruf der Gruppe >>A corps et ? cris<< in dem es hei?t >>1944 Roosevelt- Befreier. 2004 Bush- Besatzer<< wird schnell klar das es sich hier lediglich um eine unwahre Behauptung handelt.

Doch nicht alle stimmen in diesen Chorus mit ein. Etwa der Veteran L?on Gautier der bemerkte >>Bush kann zu Hause politisch machen was er will. Hier vertritt er die. die gek?mpft haben, die Europa befreit haben.<<

Tatsache in der palamentarischen Demokratie ist das man Vertreter/Repr?sentanten w?hlt, genau diese Position hat Bush bei dem Staatsbesuch in Frankreich inne. Das er politisch nicht den Willen der Berv?lkerung vertritt ist viel weniger sein eigener Fehler oder Ergebniss seiner eigenen Inkompetenz oder seines b?sen Willens als vielmehr ein strukturelles Problem der b?rgerlichen Gesellschaft und dem aus ihr stammenden Palamentarismus.
6.6.04 11:36


Internationales - 03.06.04

Bergarbeiterstreik in Russland

Am 31. Mai sind acht Arbeiter eines Maschinenwerkes in Schachty in der Rostower Region in den Hungerstreik getreten. Der Betrieb produziert und repariert Maschinen f?r den Bergbau und soll bald geschlossen werden. Die dortigen Arbeiter haben seit ?ber einem Jahr keinen Lohn mehr ausgezahlt bekommen.



Auf der von den Besch?ftigten selbst initiierten Betriebsvollversammlung wurde der Streik beschlossen, wobei acht der Arbeiter in den Hungerstreik traten und erkl?rten, dass sie erst aufh?ren w?rden, wenn sie den ganzen ausstehenden Lohn erhalten haben.

In dem Betrieb arbeiten haupts?chlich ?ltere Menschen, die schon zu Sowjetzeiten dort besch?ftigt waren. Im Fall einer Schlie?ung w?rden sie kaum eine andere Arbeit finden.

Die Betriebsf?hrung hat zwar zugesagt neue Arbeitspl?tze zu schaffen, doch sie reichen nicht einmal f?r einen kleinen Teil der Belegschaft.


Quelle
6.6.04 22:16


PAUL MATTICK

Der Leninismus

und die Arbeiterbewegung des Westens*





Der Leninismus umfa?t die Theorie und Praxis der russischen Revolution. Lenin und die Bolschewiki machten ihre Revolution jedoch im Namen des Marxismus. Ihr Erfolg f?hrte zu dem Begriff Marxismus-Leninismus als Ausdruck der modernen Theorie und Praxis der Weltrevolution und damit auch der proletarischen Revolutionen in Westeuropa und Nordamerika. Die Synthese der bolschewistischen Praxis mit der Marxschen Theorie enthielt von Lenins Seite her jedoch nur organisatorische Neuerungen, und auch dies nur im Sinne eines R?ckgriffs auf fr?here, schon ?berholte Organisationsformen revolution?rer Minderheiten im Kampf um die politische Macht. Lenin selbst hielt sich f?r einen orthodoxen Marxisten und erhob keinen Anspruch auf Originalit?t. Seiner Auffassung nach war es nicht m?glich, ?ber Marx hinauszugehen, und so bem?hte er sich in seinen theoretischen Arbeiten um nichts weiter als den Nachweis, da? die Marxschen Lehren mit der wirklichen Entwicklung im Einklang standen.

Marx hatte seine Theorie der proletarischen Revolution zu einer Zeit entwickelt, in der die daf?r notwendigen objektiven Bedingungen noch nicht vorhanden waren. Die M?glichkeit einer solchen Revolution war jedoch in den sozialen Widerspr?chen des kapitalistischen Systems enthalten. Das 19. Jahrhundert stand noch im Zeichen der unvollendeten b?rgerlichen Revolution. Der proletarische Klassenkampf war damit zugleich Teilnahme an der b?rgerlichen Revolution, und zwar in einem doppelten Sinn: einerseits zur F?rderung der kapitalistischen Entwicklung, als notwendige Vorbedingung der proletarischen Revolution, andererseits zur Ausnutzung der kapitalistischen Institutionen f?r die Erk?mpfung besserer Lebensbedingungen im Rahmen der b?rgerlichen Gesellschaft. Diese zwiesp?ltige Haltung der b?rgerlichen Entwicklung gegen?ber charakterisierte die marxistische Arbeiterbewegung. Allerdings gewann das bejahende Element die Oberhand, als die rapide kapitalistische Entfaltung zu einer tempor?ren Stabilisierung der Gesellschaft f?hrte und dem proletarischen Klassenbewu?tsein die revolution?re Pointe nahm.

Als die russische sozialistische Bewegung in Erscheinung trat, hatte die westeurop?ische Arbeiterbewegung bereits ihren revolution?ren Elan verloren. Abgesehen von rein ideologischen Bekenntnissen zum Sozialismus, begn?gte sich deren T?tigkeit mit der im kapitalistischen System m?glichen Sozialpolitik und der Verteidigung der Arbeiterinteressen auf dem Arbeitsmarkt. Die diesbez?glichen Erfolge n?hrten die wachsende Illusion einer friedlichen Verwandlung des Kapitalismus in eine sozialistische Gesellschafts-ordnung, die sich im Rahmen der parlamentarischen Demokratie vollziehen sollte. Diese Verwandlung der Arbeiterbewegung fand ihren theoretischen Ausdruck im sozialdemokratischen Revisionismus und ihre praktische Auswertung in der ?rein ?konomistischen" Gewerkschaftsbewegung. F?r eine gewisse Zeit wurde dieser Vorgang ideologisch verdeckt, und zwar durch den Scheinkampf der ?Marx-Orthodoxie" gegen den Revisionismus, der allerdings nur mit dem Sieg der revisionistischen Praxis enden konnte.

SPONTANEIT?T UND ORGANISATION

Das mangelnde revolution?re Interesse des Proletariats konnte verschieden ausgelegt werden. Im allgemeinen war es die gesellschaftliche Lage der Arbeiter, der Grad ihrer Ausbeutung und das Erziehungsmonopol der b?rgerlichen Herrschaft, die f?r das mangelnde Klassenbewu?tsein verantwortlich gemacht wurden. Oft wurde den Arbeitern ?berhaupt die F?higkeit abgesprochen, selbst Mittel und Wege zu ihrer Befreiung zu finden. Nach Karl Kautsky z.B. war die Idee des Sozialismus, der allerdings das Verh?ltnis von Kapital und Lohnarbeit zugrunde lag, nicht aus der Arbeiterschaft hervorgegangen, sondern von b?rgerlichen Intellektuellen geformt worden. In ?bereinstimmung mit ihm erkl?rte Lenin, da? die Arbeiter im allgemeinen nur die F?higkeit haben, ein gewerkschaftliches Bewu?tsein zu entwickeln, nicht aber die revolution?re Theorie, ohne die es keine revolution?re Bewegung geben k?nne. Hier lag die Aufgabe der revolution?ren Intelligenz und der von ihr bestimmten Organisationen.

F?r Marx war es selbstverst?ndlich, da? der Sozialismus nicht das ausschlie?liche Privileg der arbeitenden Klasse ist. Auch zu anderen Klassen geh?rende Personen konnten aus humanistischen oder Erkenntnisgr?nden Sozialisten werden und sich auf die Seite des Proletariats stellen. Das Hin?berwechseln von der Bourgeoisie zum Proletariat ist ebenso m?glich wie die Verb?rgerlichung vieler Arbeiter. Das ?ndert jedoch nichts an der gesellschaftlichen Klassenteilung und den Klassenk?mpfen als Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Und hier wird die Theorie des Sozialismus zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Arbeiter selbst haben den Sozialismus zu verwirklichen, und Marx zweifelte nicht daran, da? sich die Arbeiterklasse durch die moderne Industrie und die kapitalistischen Arbeitsbedingungen zur revolution?ren Klasse entwickeln w?rde.

Der Kapitalismus war jedoch lebensf?higer, als Marx es erwartet hatte, und ohne gesellschaftlichen Zwang zu revolution?rem Handeln ersch?pft sich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit in Fragen der Verteilung und l??t die Produktionsverh?ltnisse unangetastet. Das Proletariat blieb bei dem Gewerkschafts-bewu?tsein und der Sozialpolitik stehen, nicht weil ihm die F?higkeit fehlte, revolution?r zu denken und zu handeln, sondern weil es vorerst keine Neigung hatte, seine Lebensbedingungen auf revolution?rem Wege zu ?ndern. Man riskiert Leben und Freiheit nur in ausweglosen Lagen, nicht aber unter Bedingungen, die als ertr?glich gelten. Der Opportunismus und Reformismus um die Jahrhundertwende entsprach nicht nur den direkten Interessen der Partei und Gewerkschaftsb?rokratie, sondern auch denen der organisierten arbeitenden Bev?lkerung.

Da? die Zeit der Zweiten Internationale keine revolution?re war, obwohl die westeurop?ische Arbeiterbewegung in ihr gro? wurde, erwies sich in h?chst dramatischer Weise durch ihren Zusammenbruch zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Es waren nicht nur die F?hrer, die sich vom Sozialismus zum Imperialismus wandten, sondern auch die ihnen nachfolgenden Massen. Die Intellektuellen, die angeblichen Tr?ger der revolution?ren Theorie, verfielen dem nationalen Chauvinismus nicht weniger als die sich auf die t?glichen Lohnk?mpfe beschr?nkenden Arbeiter. Aber da Lenin von den letzteren nicht mehr erwartete, ja in der sogenannten ?,Arbeiteraristokratie" eine St?tze des kapitalistischen Imperialismus sah, richtete sich sein Zorn ?ber den ?Verrat" der Zweiten Internationale vornehmlich gegen deren F?hrung und hier im besonderen gegen ihren ?orthodoxen" Fl?gel, mit dem sich Lenin in der Vorkriegszeit solidarisch erkl?rt hatte. Nicht die Arbeiterklasse, sondern die Arbeiterf?hrer hatten versagt; sie hatten den Marxismus und das Proletariat verraten. Sie mu?ten durch bessere F?hrer, andere Parteien und eine neue Internationale ersetzt werden, um den proletarischen Kampf erneut aufzunehmen.

Fast das ganze schriftstellerische Werk Lenins ist polemischer Natur. Es spiegelt einen dauernden Kampf gegen alle von den eigenen Interpretationen des Marxismus und der geschichtlichen Situation abweichenden Einstellungen und Richtungen wider. Unabl?ssig attackiert Lenin die Wortf?hrer anderer und gegnerischer Organisationen und k?mpft f?r die theoretische Vorherrschaft in der eigenen Partei. Es geht um die richtige Theorie und damit um die richtige Strategie und Taktik der revolution?ren Bewegung ? vornehmlich in Ru?land, sp?ter aber auch im internationalen Ma?stab.

Lenins Arbeiten richten sich gegen verr?terische F?hrer, Konterrevolution?re, Opportunisten, Revisionisten. Obwohl an sich nichts dagegen einzuwenden ist, bleibt diese Beschr?nkung auf die f?hrenden Gruppen der sozialistischen oder pseudosozialistischen Bewegung doch merkw?rdig. Die Masse der Arbeiter und Bauern sowie deren soziales Streben bilden f?r Lenin sozusagen nur den selbstverst?ndlichen Hintergrund des politischen Kampfes um die F?hrung der erwarteten Revolution. Obwohl ohne diese Massen die Revolution nicht gemacht werden kann, ist es f?r ihn doch klar, da? sie die Revolution nicht allein machen k?nnen. Da sie der politischen F?hrung bed?rfen, liegt das entscheidende Moment der Revolution nicht bei den Massen selbst, sondern bei der f?hrenden Partei und der F?hrung dieser Partei.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung hatte allerdings gezeigt, da? die revolution?re F?hrung von heute die konterrevolution?re F?hrung von morgen sein kann, und da? Klassenkampforganisationen leicht in ihr Gegenteil umschlagen. Nach Lenin kam es darauf an, eine Organisationsform zu schaffen, die einer solchen Verwandlung nicht nachgab und deren F?hrung ihren revolution?ren Charakter garantierte: eine Partei, deren Mitglieder in der Revolution ihre wirkliche Berufung sahen und deren F?hrung tats?chlich in den H?nden von Berufsrevolution?ren lag. Die Partei konnte nicht (und sollte auch nicht) versuchen, die Massen in sich zu vereinigen. Jedes Streben in dieser Richtung f?hrte nur zu ihrer Verw?sserung und schlie?lich zum Verlust ihres revolution?ren Willens. Nicht der demokratischen Massenpartei, in der sich der opportunistische Reformismus nur zu leicht durchsetzen konnte, sondern allein einer aus ?berzeugten Revolution?ren zusammengesetzten disziplinierten und zentralistisch geleiteten Kampfpartei konnte die F?hrung der Revolution ?berlassen werden.

Es ist in der Tat nicht m?glich, im Kapitalismus revolution?re Massenorganisationen aufzubauen, da es der organisatorische Erfolg selbst ist, der die urspr?ngliche revolution?re Ideologie zerst?rt. Revolution?re Organisationen m?ssen sich, um solche zu bleiben, von der ordin?ren Tagespolitik frei halten, was jedoch wiederum ihre eigene Entwicklung hindert. Das Dilemma der Arbeiterbewegung scheint demnach unl?sbar, da beides, die aktive Anteilnahme an der gegebenen gesellschaftlichen Praxis und deren prinzipielle Verneinung, zur revolution?ren Entmachtung f?hrt. Diesem Dilemma kann man nur durch die spontane Bildung revolution?rer Organisationen entgehen, die innerhalb des Kapitalismus nicht von Dauer sein k?nnen. Mit anderen Worten: es ist die spontane Organisation der Revolution selbst, die das Dilemma der revolution?ren Bewegung im Kapitalismus zu l?sen vermag.

Die etablierte westeurop?ische sozialdemokratische Massenpartei und die mit ihr lose verbundenen Gewerkschaften hatten durch ihre organisatorischen Erfolge ihr ideologisches Endziel in der unbegr?ndeten Erwartung preisgegeben, da? das eigene Wachstum und die fortgesetzten Errungenschaften des Tageskampfes zu einer gesellschaftlichen Umwandlung in Richtung auf den Sozialismus f?hren w?rden. Allerdings war diese Auffassung nicht allgemein; es bildete sich in der Sozialdemokratie zu gleicher Zeit ein radikaler linker Fl?gel, der die Partei ins revolution?re Fahrwasser zur?ckzubringen versuchte. Obwohl die sozialdemokratische Bewegung in Ru?land noch schwach war, spiegelten sich in ihr doch alle Differenzen, die innerhalb der westeurop?ischen Arbeiterbewegung auftraten, in modifizierter Form wider. Lenin repr?sentierte hier den radikalen linken Fl?gel der russischen Sozialdemokratie.

Die linke Opposition der westeurop?ischen Sozialdemokratie unterschied sich von der russischen im wesentlichen durch eine andere Bewertung der Spontaneit?t und der Rolle der Partei in der Revolution. Lenin wandte den Begriff der Spontaneit?t in einem doppelten Sinne an: einmal im allgemeinen, das andere Mal spezifisch ? als die aus dem Proletariat selbst hervorgehenden tempor?ren oder permanenten Organisationsfovmen, die sich auf die unmittelbaren ?konomischen Interessen der Arbeiter beschr?nkten. Der Streik, die Streikorganisation und die gewerkschaftliche Vereinigung waren die Organisationen, die spontan aus dem Verh?ltnis von Kapital und Lohnarbeit erwuchsen, aber auch in diesen Verh?ltnissen h?ngenblieben. Das politische Klassenbewu?tsein, d.h. die sozialistische Zielsetzung, kann nach Lenin ?dem Arbeiter nur von au?en beigebracht werden, d.h. au?erhalb des ?konomischen Kampfes, au?erhalb der Sph?re der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern".1 Und da nach Lenin "von einer selbst?ndigen, durch die Arbeitermassen selbst im Verlaufe der Bewegung ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein kann, so kann die Frage nur so stehen: b?rgerliche oder sozialistische Ideologie".2 Die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung kann nur zur Unterordnung unter die b?rgerliche Ideologie f?hren, es sei denn, da? es der Partei gelingt, ?die Arbeiter f?r die revolution?re Sozialdemokratie zu gewinnen".3

Die Partei ist also f?r Lenin nicht ein Teil der arbeitenden Bev?lkerung, sondern eine besondere Macht, die mit der Bourgeoisie um die Gefolgschaft der Arbeiter ringt. Da seiner Ansicht nach die Selbstentwicklung der Arbeiter nur dazu f?hren kann, da? sie die b?rgerliche Ideologie ?bernehmen, mu? die Partei ?den Kampf gegen die Spontaneit?t" aufnehmen, was allerdings nicht mehr bedeutet, als da? die Partei gegen die b?rgerliche Ideologie in der Arbeiterbewegung k?mpfen mu?. Da? diese Selbstverst?ndlichkeit von Lenin als ?Kampf gegen die Spontaneit?t" aufgefa?t wird, l??t sich nur aus der spezifischen russischen Situation erkl?ren, deren gesellschaftliche Bedingungen f?r eine proletarische Revolution noch nicht reif sind, nicht aber aus der dem Proletariat unterstellten Unf?higkeit, politisches Klassenbewu?tsein zu entwickeln.

Die zu erwartende russische Revolution konnte vom Marxschen Standpunkt aus nur eine b?rgerliche sein, die die feudalistischen Hemmungen des Kapitalisierungsprozesses durchbrechen w?rde. Um die Jahrhundertwende wurde deutlich, da? die russische Entwicklung sich auf dem Wege zum Kapitalismus befand ? eine Tatsache, der Lenin sein Buch ?ber Die Entwicklung des Kapitalismus in Ru?land (1899) widmete. Mit der unabwendbaren, wachsenden Industrialisierung und dem ?bergang zur kapitalistischen Landwirtschaft entwickelten sich ein industrielles Proletariat und eine kapitalistische Mittelschicht, die vorerst allerdings nichts an dem reaktion?ren, autokratischen Regime zu ?ndern vermochten. Trotz landwirtschaftlicher Reformen und der Herausbildung eines kapitalistisch orientierten Bauerntums blieb der b?uerliche Landmangel akut, und die Not der landwirtschaftlichen Bev?lkerung dr?ngte auf die Enteignung des Gro?grundbesitzes. Die klassengeteilte Majorit?t der Bev?lkerung ? Arbeiter, Bauern und B?rger ? hoffte auf die Beseitigung der bestehenden Zust?nde und war potentiell revolution?r. Es war anzunehmen, da? die kommende Revolution den Charakter einer Volkserhebung haben w?rde. Unter diesen Umst?nden hielt es Lenin f?r verfehlt, die sozialdemokratische Bewegung als reine Arbeiterbewegung anzusehen oder, wie er es ausdr?ckte, sie zu einer "einfachen Dienerin der Arbeiterbewegung"4 herabzuw?rdigen. Sich auf die Arbeiter und deren besondere Interessen zu beschr?nken, bedeutete f?r ihn, auf die F?hrung der erwarteten Revolution von vornherein zu verzichten.

Analog zur Marxschen Haltung in der Revolution von 1848 sollte sich die Sozialdemokratie nach Lenin an alle aufs?ssigen Schichten der Bev?lkerung wenden, wenn auch an erster Stelle an die Bauern und Arbeiter. Aber die Partei war mit keiner der existierenden Klassen wirklich identisch. Wenn sie sich nicht von den Massen unterschiede, meinte Lenin, dann k?nnte sie nicht die Rolle des ?Vork?mpfers" spielen. Aber da sie sich als ?Vork?mpferin der Revolution" ausgab, mu?te sie notgedrungen von einer ?Vork?mpfer-Theorie" ausgehen, n?mlich von der Inanspruchnahme der F?hrung der Revolution. Um dies erfolgreich zu tun, mu?te die Partei selber von einem einheitlichen Willen beseelt sein ? ein Zustand, der seinen organisatorischen Ausdruck in der zentralistisch dirigierten und, wo n?tig, konspirativen, semi-milit?rischen Organisationsform findet. Man versuchte den Gegensatz von Zentralismus und Demokratie durch den Begriff ?demokratischer Zentralismus" theoretisch aufzuheben. Mehrheitsbeschl?sse sollten der Zentralleitung zur unbestrittenen Ausf?hrung ?berlassen werden. In der Praxis jedoch bedeutete der demokratische Zentralismus nichts anderes als die autorit?re Leitung der Partei durch die Zentrale.

Im Anschlu? an Marx und Engels sah Lenin die b?rgerliche Revolution als Vorbedingung einer proletarischen Revolution. Es bestand jedoch die Gefahr, da?, ?hnlich wie 1848 in Deutschland, die b?rgerliche Revolution auf halbem Wege stehenbleiben und in einen Kompromi? mit dem Zarismus einm?nden w?rde. Eine wirkliche revolution?re Umw?lzung verlangte deshalb die breiteste Teilnahme der Arbeiter und Bauern und die konsequente revolution?re F?hrung durch die Sozialdemokratie. Ebenfalls im Anschlu? an Marx und Engels (und sp?ter im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg) hielt Lenin es f?r m?glich, da? die russische Revolution zum Ausgangspunkt einer westeurop?ischen, wenn nicht weltweiten Revolution w?rde. In solchem Falle war es nicht ausgeschlossen, da? die b?rgerlich-kapitalistische Entwicklung Ru?lands durch die Internationalisierung der europ?ischen sozialistischen Wirtschaft ?bersprungen werden konnte. Wie dem auch sei, die F?hrung der Revolution durch die Sozialdemokratie war unerl??lich, um die russische Revolution zur vollen Entfaltung zu bringen, vor allem deshalb, weil die Spontaneit?t der revolution?ren Ausbr?che ohne eine zielsichere zentralisierte Leitung zum Untergang verurteilt sein w?rde.

Die westeurop?ische Arbeiterbewegung stand allerdings nicht mehr im Zeichen der b?rgerlichen Revolution, und ihr revolution?rer Fl?gel sprach nicht von einer von verschiedenen Klassen getragenen Volksrevolution, sondern von der erhofften proletarischen Revolution. Hier war die Arbeiterklasse die objektiv einzige revolution?re Klasse, und ihr ein politisches Bewu?tsein absprechen hie?, die M?glichkeit der Revolution selbst leugnen. Es stimmte zwar, da? die Arbeiterbewegung im Sumpf des Reformismus steckengeblieben war; aber anzunehmen, da? das so bleiben w?rde, bedeutete, dem Kapitalismus Ewigkeitswert zuzuschreiben. In Wirklichkeit und aufgrund der in ihm liegenden Widerspr?che w?rde der Periode des Aufstiegs des Kapitalismus die seines Verfalls folgen. Nur ein reformierbarer Kapitalismus erlaubt die reformistische Arbeiterbewegung; ein krisenzerr?tteter Kapitalismus erheischt revolution?re L?sungen f?r die unmittelbaren und f?r die geschichtlichen Aufgaben der Arbeiterklasse.

Die Organisationen der Arbeiterklasse waren den H?nden der Arbeiter entglitten und zu Instrumenten ihrer Beherrschung geworden. Aber auch das dr?ckte nichts weiter aus als die aktuelle Lebensf?higkeit des Kapitalismus und die M?glichkeit der Immunisierung des Klassenkampfes durch die Institutionalisierung der Arbeiterbewegung. Nichtsdestoweniger, mit oder ohne Klassenkampf organisationen, w?rde dem Proletariat letzten Endes nichts anderes ?brigbleiben, als den Kampf f?r die Abschaffung des Kapitalismus erneut aufzunehmen, der aber zugleich ein Kampf gegen die kapitalisierten Arbeiterorganisationen sein w?rde. Das Augenmerk des Revolution?rs richtete sich nicht so sehr auf eine bestimmte Organisationsform als auf die Selbstbestimmung der arbeitenden Massen in den zu erwartenden revolution?ren K?mpfen.

Lenins negative Einstellung zum Problem der Spontaneit?t konnte in der linken Opposition des Westens nur befremdend wirken. Hier wurde gerade auf die Spontaneit?t gehofft, nicht um ihrer selbst Willen, sondern um dem entnervenden Einflu? der offiziellen Arbeiterbewegung die revolution?re Frische proletarischer Selbstinitiative entgegenzusetzen. Das Leninsche Verlangen nach der dem Kapitalismus entliehenen ultrazentralistischen Partei konnte dort kein Verst?ndnis finden, wo die existierende Zentralisation der Arbeiterorganisationen bereits zum Hemmschuh des proletarischen Klassenkampfes geworden war.

Lenins Organisationsprogramm hatte auf dem zweiten Parteitag der russischen Sozialdemokratischen Partei bereits zu ihrer Spaltung gef?hrt. Da die ?Bundisten" die Konferenz verlie?en, erhielten Lenins Anh?nger eine zuf?llige Majorit?t und nannten sich dementsprechend die Mehrheit (Bolschewiki), w?hrend die Minderheit fortan als Menschewiki bezeichnet wurde. Lenin sah in der Ablehnung seines Parteiprogramms nur einen weiteren Ausdruck des um sich greifenden Opportunismus in der russischen wie in der sozialistischen Bewegung im allgemeinen. Unabl?ssig verteidigte er seinen eigenen als den einzig richtigen revolution?ren Standpunkt5, und die Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Sozialdemokratie griffen auf die westeurop?ische Bewegung ?ber.

Rosa Luxemburg als Wortf?hrerin des linken Fl?gels der deutschen Sozialdemokratie hatte, wie Lenin selbst, dem Opportunismus den Kampf angesagt. Doch glaubte sie nicht, da? man ihn ?durch ein Organisationsstatut von der Arbeiterbewegung fern halten kann".6 Obwohl sie f?r eine einheitliche Organisation eintrat, um geschlossene politische Aktionen der Massen zu erm?glichen, hatte dies ihrer Meinung nach nichts mit einer Organisationsform zu tun, in der ?das Zentralkomitee als der eigentliche aktive Kern der Partei, alle ?brigen Organisationen lediglich als seine ausf?hrenden Werkzeuge gelten".7 Im Gegenteil, die Arbeiter selbst m?ssen bestimmen und handeln lernen, selbst wenn dies mit vielen falschen Schritten verbunden sein sollte. ?Fehltritte, die eine wirklich revolution?re Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unerme?lich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten Zentralkomitees".8

DIE RUSSISCHE REVOLUTION

Angesichts der Schw?che der sozialistischen Bewegung in Ru?land hatte der Streit um den Charakter der revolution?ren Organisation ? ob demokratische Massenpartei oder zentralistische Elitepartei ? wenig mit der Realit?t zu tun. Die trotz des Mangels an Arbeiterorganisationen ausbrechende Revolution von 1905 schuf sich ihre eigene Organisationsform in den sich spontan bildenden Aktionsaussch?ssen und Arbeiterr?ten (Sowjets). Die R?te sahen sich selbst als tempor?re Organisationen zur Durchsetzung von Forderungen, die sich auf Lohn und Arbeitsbedingungen bezogen und auf das mehr allgemeine politische Verlangen na.ch einer Konstituierenden Versammlung. Mit dem Zusammenbruch der Revolution verschwanden die R?te, um in der Revolution von 1917 erneut in Erscheinung zu treten.

Die russischen Massenstreiks, die in ihnen entstehenden R?te und die enge Verkn?pfung der unmittelbaren mit den politischen Forderungen zwangen Lenin, sich mit diesem neuen Ph?nomen in der revolution?ren Bewegung auseinanderzusetzen. Er sah die R?te der Arbeiterdeputierten als ?Organe des unmittelbaren Klassenkampfes. Sie entstanden als Organe des Streikkampfes. Sie wurden sehr rasch, unter dem Druck der Notwendigkeit, zu Organen des allgemeinen revolution?ren Kampfes gegen die Regierung. Sie verwandelten sich unwiderstehlich, kraft der Entwicklung der Ereignisse und des ?bergangs vom Streik zum Aufstand, in Organe des Aufstands (...). Nicht irgendeine Theorie, nicht irgend jemandes Aufruf, nicht eine von irgend jemand entdeckte Taktik, keine Parteidoktrin, sondern die Wucht der Tatsachen hat diese (...) Massenorgane von der Notwendigkeit des Aufstandes ?berzeugt und sie zu Organen des Aufstandes gemacht".9

All dies widersprach Lenins Ansichten von der Unzul?nglichkeit spontaner Aktivit?t und der Unerl??lichkeit der in der Partei verk?rperten Theorie. Unbek?mmert blieb Lenin gleichwohl dabei, ?da? ?R?te? und ?hnliche Massenk?rperschaften f?r die Organisierung des Aufstandes noch nicht gen?gen. Sie sind erforderlich, um die Massen zusammenzuschwei?en, sie f?r den Kampf zu vereinigen, ihnen die von der Partei aufgestellten (oder von den Parteien gemeinsam ausgegebenen) Losungen der politischen F?hrung zu ?bermitteln, das Interesse der Massen zu wecken und die Massen in den Kampf zu ziehen. Aber sie reichen nicht aus, die Kr?fte des unmittelbaren Kampfes zu organisieren, den Aufstand in der eigentlichen Bedeutung des Wortes zu organisieren".10 Um authentisch zu sein, mu? der Aufstand Parteiprodukt sein.

Lenin erkannte allerdings, da? die Arbeiterr?te 1905 ?in Wirklichkeit Keimzellen der provisorischen Regierung (waren); unvermeidlich w?re ihnen die Macht im Falle des Sieges des Aufstands zugefallen. (Deshalb) mu? das Schwergewicht auf das Studium der Bedingungen ihrer Arbeit und ihres Erfolges verlegt werden".11 Wenn auch nur sporadisch, so kam Lenin doch immer wieder auf das Problem von Partei und R?te zur?ck. Obwohl der Arbeiterdeputiertenrat f?r ihn ?kein Organ der proletarischen Selbstverwaltung, ?berhaupt kein Organ der Selbstverwaltung, sondern eine Kampforganisation zur Erreichung bestimmter Ziele"12 war, hatte er nichts gegen die ?Teilnahme der Organisation der Sozialdemokratischen Partei an allgemeinparteilichen R?ten von Arbeiterbevollm?chtigten und Deputierten und an den Kongressen ihrer Vertreter, sowie die Schaffung solcher K?rperschaften, (...) vorausgesetzt, da? hierbei die Interessen der Partei auf das strengste gewahrt werden und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gest?rkt und gefestigt wird".?13

Nach 1906 lag die organisatorische Initiative wieder bei den politischen Parteien und den Gewerkschaften. In Erwartung der b?rgerlichen Revolution sahen die Reformsozialisten die Sowjets lediglich als Verlegenheits-organisationen an, die ihre Existenzberechtigung durch die Legalisierung traditioneller Arbeiter-organisationen verlieren w?rden. Anders dachten Lenin und die Bolschewiki, da sie bereit waren, selbst im Rahmen der b?rgerlichen Revolution die politische Macht zu ergreifen. Sich selbst als ?Vork?mpfer" des Proletariats und die Arbeiterklasse als ?Vork?mpferin" der Volksrevolution betrachtend, begriff Lenin, da? die politische Macht?bernahme neben der Partei auch Organisationen wie die der R?te ben?tigte. Aber erst 1917 wurde der Begriff ?Diktatur des Proletariats" als Diktatur der Sowjets aufgefa?t.

Die Februar-Revolution 1917 war ebenfalls das Resultat spontaner Erhebungen, obwohl politische Parteien und Gewerkschaften eine gr??ere Rolle in ihr spielten als 1905. Die Revolution fand die Unterst?tzung der liberalen Bourgeoisie, aus deren Kreisen eine provisorische Regierung gebildet wurde. Unter zunehmenden Schwierigkeiten wurden sp?ter Vertreter der Menschewisten und rechten Sozialrevolution?re in die Regierung einbezogen. Die sich spontan bildenden Arbeiter- und Soldatenr?te akzeptierten vorerst die provisorische Regierung, kamen aber im Laufe der Zeit mit ihr in Konflikt. Die politische Macht lag teils in den H?nden der Regierung, teils in denen der R?te. Es war dieser Umstand, der den Bolschewisten in ihrem Kampf gegen die Regierung die Losung ?Alle Macht den R?ten!" darbot. Die Regierung hatte nicht die Absicht, ?ber die sozialen M?glichkeiten eines b?rgerlich-demokratischen Regimes hinauszugehen. Sie war deshalb auch nicht bereit, f?r einen sofortigen Frieden und eine radikale Enteignung des Gro?grundbesitzes einzutreten. Die Bolschewiki dagegen forderten, da? der Krieg sofort beendet und das Land unter die Bauern verteilt werde (was auch den Forderungen der breiten Massen entsprach), und gewannen damit in verh?ltnism??ig kurzer Zeit eine Mehrheit in den ausschlaggebenden Sowjets ? ein Umstand, der Lenin ermutigte, durch einen coup d??tat dem b?rgerlich-demokratischen Regime ein Ende zu machen.

Die russische Revolution war zugleich eine b?rgerliche, proletarische und Bauern-Revolution, aber es war die letzte, die vorerst den Ausschlag? gab und der Revolution als Ganzes den Erfolg sicherte. Die Interessen der Bauern wurden von der Sozialrevolution?ren Partei vertreten, einer Organisation, die sich ebenfalls in einen rechten und linken Fl?gel (Maximalisten) gespalten hatte. Die Sozialrevolution?re forderten, da? alles Land gleichm??ig an die Bauern verteilt werden sollte ? ein Standpunkt, den Lenin als Marxist zur?ckweisen mu?te und in seinen Auseinandersetzungen mit den Sozialrevolution?ren auch verwarf. Der Marxismus richtet sich gegen die private, parzellierte Bauernwirtschaft im Interesse der kollektiven Gro?raumwirtschaft. Es wurde allerdings angenommen, da? die kapitalistische Entwicklung selbst die kleine private Bauernwirtschaft vernichten werde, so da? dieses Problem gr??tenteils noch vor der sozialistischen Revolution gel?st sein w?rde. In Ru?land aber entwickelte sich die b?uerliche Einzeiwirtschaft aus dem feudalen Gro?grundbesitz. Um die Bauern f?r den Bolschewismus zu gewinnen, war es erforderlich, den z?gernden Sozialrevolution?ren dadurch den Wind aus den Segeln zu nehmen, da? man die Bauern aufforderte, sich das Land anzueignen.

Bereits bei seiner Ankunft in Ru?land im April 1917 erkl?rte Lenin, da? das Sowjetsystem ?ber die Forderung nach der b?rgerlich-demokratischen Republik hinausgehe. Die Partei m?sse die Macht ?bernehmen. Mit einer bolschewistischen Mehrheit in den Sowjets w?rde die neue Regierung eine bolschewistische sein. Allerdings war er auch bereit, die Macht ohne Mehrheit zu ergreifen. ?Es w?re naiv", schrieb er, ?eine ?formelle? Mehrheit der Bolschewiki abzuwarten. Keine Revolution wartet das ab."14 Beg?nstigt durch eine Reihe von Umst?nden, auf die ich hier nicht eingehen kann, gelang die Bildung der ersten, von den Bolschewiki dominierten Arbeiter- und Bauernregierung. Um aber diese dominante Position zu sichern, war es notwendig, da? die Arbeiter und Bauern auch in Zukunft Bolschewisten in die Sowjets w?hlten. Daf?r gab es keine Garantie. So wie die Menschewisten und Sozialrevolution?re, einst die Mehrheit in den Sowjets, zur Minderheit wurden, so konnten auch die Bolschewiki ihre momentane Mehrheit wieder verlieren. Man mu?te daher der Partei das Regierungsmonopol sichern.

F?r Lenin war dies selbstverst?ndlich. Genauso wie er seine Partei als die Verk?rperung des proletarischen Klassenbewu?tseins auffa?te, war f?r ihn die Herrschaft der Partei identisch mit der der R?te. Er sah nur die Wahl zwischen kapitalistischer Diktatur in demokratischer Verkleidung und der Diktatur der Arbeiterklasse unter F?hrung der bolschewistischen Partei. Sich selbst ?berlassen, konnten die Sowjets nur zu leicht den Versprechungen der liberalen Bourgeoisie und deren Handlangern zum Opfer fallen und sich schlie?lich selbst entmachten. Die Partei hatte die wirklichen Interessen der R?te zu vertreten, wenn notwendig selbst gegen die R?te, was aber nur dadurch m?glich war, da? die Partei eine Kontrolle ?ber sie aus?bte. Nur so konnte der sozialistische Charakter der Revolution gew?hrleistet werden. Durch die Unterdr?ckung aller anti-bolschewistischen Kr?fte wandelte sich in kurzer Zeit das R?tesystem zur Diktatur der bolschewistischen Partei.

Die revolution?re Parole ?Alle Macht den R?ten!" verk?mmerte zu einem bolschewistischen Regierungserla? ?ber Arbeiterkontrolle. Die Unvertr?glichkeit kapitalistischer Produktion mit einer Arbeiterkontrolle zwang die Bolschewiki, zur Nationalisierung der Industrien ?berzugehen ? von der Arbeiterkontrolle, wie Lenin es ausdr?ckte, zur Administration der Betriebe durch die Arbeiter. Diese Wendung von der Kontrolle zur Administration entpuppte sich jedoch als die Abschaffung jeder direkten Teilnahme der Arbeiter an der Bestimmung der Produktion und der Arbeitsbedingungen in den Betrieben. Sie nahm geraume Zeit in Anspruch und vollzog sich auf dem Umweg der Betriebs- und Produktionskontrolle durch die Gewerkschaften im Zeichen der Verwandlung der Gewerkschaften in Kontrollorgane der Regierung ?ber die Arbeit und die Arbeiter.

Der wirtschaftliche Zusammenbruch durch Krieg und B?rgerkrieg, die zerr?ttete Wirtschaft und der Widerstand der Bauern gegen die erforderlichen Abgaben zur Sicherstellung der Ern?hrung zwangen die Bolschewiki zu den widerspruchsvollsten Ma?nahmen ? vom sogenannten Kriegskommunismus bis zur Neuen ?konomischen Politik. Lenin hielt es f?r wichtig, an der Macht zu bleiben, selbst wenn das mit der Verletzung sozialistischer Prinzipien und mit peinlichen Kompromissen erkauft werden mu?te. Er war sich der objektiven Unreife Ru?lands f?r den Sozialismus v?llig bewu?t, und es war f?r ihn klar, ?da? ohne die Unterst?tzung der internationalen Weltrevolution der Sieg der proletarischen Revolution unm?glich ist. Vor der Revolution, und auch nachher, dachten wir: entweder gleich oder wenigstens sehr schnell kommt die Revolution in den ?brigen L?ndern, oder wir m?ssen zugrunde gehen. Trotz dieses Bewu?tseins taten wir alles, um das Sowjetsystem unter allen Umst?nden unbedingt aufrechtzuerhalten, denn wir wu?ten, da? wir nicht nur f?r uns, sondern auch f?r die internationale Revolution arbeiten". 15

Wenn Lenin nicht an die Best?ndigkeit der russischen Revolution glaubte, es sei denn, da? sie zur internationalen Revolution wurde, so deshalb, weil er annahm, da? die internationale Bourgeoisie das bolsche?wistische Regime vernichten w?rde. Seine Bef?rchtungen bezogen sich nicht auf die Situation im Innern Ru?lands; hier hielt er es durchaus f?r m?glich, durch die Diktatur der Partei und die notwendigen Konzessionen an die Bauern an der Macht zu bleiben. 1921 konnte man jedoch mit einer l?ngeren Atempause rechnen. Der B?rgerkrieg war beendet, und dank den internen Gegens?tzen im imperialistischen Lager war der Angriff von au?en h?chst unwahrscheinlich. Lenins Meinung nach ?mu?te mit der Tatsache gerechnet werden, da? heute unstreitig ein gewisses Gleichgewicht der Kr?fte, die offen, mit der Waffe in der Hand, gegeneinander den Kampf um die Herrschaft der einen oder anderen ma?gebenden Klasse f?hrten, eingetreten ist ? ein Gleichgewicht zwischen der b?rgerlichen Gesellschaft, der internationalen Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit einerseits und Sowjetru?lands anderseits".16

Der Aufbau in einem vor?bergehend von ?u?eren Eingriffen ungest?rten, aber isolierten Ru?land bedeutete nat?rlich, da? die Partei die historische Rolle der Bourgeoisie ?bernehmen mu?te, allerdings ohne die Institutionen der b?rgerlichen Gesellschaft und mit einer anderen Ideologie. Es kam darauf an, die Produktion wieder in Gang zu bringen und zu erweitern. Da die Arbeiter nicht geneigt waren, sich ?ber das gewohnte Ma? hinaus selbst auszubeuten, waren die Bolschewiki gezwungen, die Rolle einer herrschenden Klasse zu ?bernehmen, um den Akkumulationsproze? zu inaugurieren. Damit richtete sich die Diktatur der Partei nicht nur gegen die Kapitalisten, sondern auch gegen die Arbeiter und Bauern. All das hatte nichts mit Sozialismus und nichts mit Kapitalismus im herk?mmlichen Sinne zu tun. Lenin bezeichnete diesen Zustand als Staatskapitalismus, allerdings als einen ?ungew?hnlichen, sogar ganz und gar ungew?hnlichen Staatskapitalismus"17, der aber den herrschenden Zust?nden in Ru?land vorzuziehen sei und der eine Transformation zum Sozialismus darstellte. ?Die Arbeiterklasse", schrieb er, ?die es gelernt hat, die Staatsordnung gegen die Anarchie des Kleinb?rgertums zu verteidigen, die es gelernt hat, eine gro?e staatliche Organisation der Produktion auf staatskapitalistischer Grundlage zustande zu bringen, wird dann alle Tr?mpfe in den H?nden haben, und die Festigung des Sozialismus wird gesichert sein."18 Der russische Staatskapitalismus unterschied sich vom ?gew?hnlichen" Staatskapitalismus und enthielt deshalb f?r die Sowjetmacht nichts Gef?hrliches, weil ?der Sowjetstaat ein Staat ist, in dem die Macht der Arbeiter und der Dorfarmut gesichert ist. "19

So wie f?r Lenin die Revolution nicht ohne die Partei siegen konnte, so war der Weg zum Sozialismus nur ?ber die zur Staatsmacht gewordene Partei m?glich. Es war der bolschewistische Staat, der die wirklichen Interessen der Arbeiter kannte und vertrat, auch dann, wenn dies den Arbeitern selbst nicht bewu?t sein sollte. Wenn notwendig, mu?ten die Interessen der Arbeiter gegen die Arbeiter selbst verteidigt werden, und hier besonders in bezug auf die erforderlichen Ma?nahmen zur Steigerung der Produktion. ?Wir m?ssen daran denken", erkl?rte Lenin, ?da? wir in einem Lande leben, das gro?e Verluste erlitten hat und verarmt ist, und wir m?ssen es lehren, Versammlungen so abzuhalten, da? dabei auseinandergehalten wird, was zur Versammlung und was zum Regieren geh?rt. Mache Versammlungen, aber regiere ohne geringste Schranken, regiere mit festerer Hand, als vor Dir der Kapitalist regiert hat."20 Er wies darauf hin, ?da? in der Geschichte der revolution?ren Bewegungen durch die Diktatur einzelner Personen sehr oft die Diktatur der revolution?ren Klassen zum Ausdruck gebracht wurde".21 Das treffe vor allem f?r die Wirtschaft zu. Die maschinelle Gro?industrie erfordere eine unbedingte und strenge Einheit des Willens, ?der die gemeinsame Arbeit von hunderten, tausenden und zehntausenden leitet (...). Aber wie kann die strengste Einheit des Willens gesichert werden? Durch die Unterordnung des Willens von Tausenden unter den Willen eines einzigen. Diese Unterordnung kann bei idealer Zielbewu?theit und Diszipliniertheit der an der gemeinsamen Arbeit Beteiligten mehr an die milde Leitung eines Dirigenten erinnern. Sie kann scharfe diktatorische Formen annehmen, wenn keine ideale Diszipliniertheit und Zielbewu?theit vorhanden ist. Aber, wie dem auch sein mag, die unbedingte Unterordnung unter einen einzigen Willen ist f?r den Erfolg der Arbeitsprozesse (...) eine absolute Notwendigkeit" 22

Nimmt man diese These ernst, so m?ssen die russischen Arbeiter v?llig ohne Disziplin und Zielbewu?tsein gewesen sein, denn die diktatorische Kontrolle der Arbeiter nahm Formen an, die alles Vergleichbare in den kapitalistischen L?ndern in den Schatten stellten. Aber die Verwandlung Ru?lands in einen autorit?ren Staatskapitalismus ?nderte nichts an der Tatsache, da? die Arbeiter und Bauern den Zarismus und die Bourgeoisie vernichtet hatten. Die Entmachtung der R?te durch die Partei war zweifellos der objektiven Unreife Ru?lands f?r den Sozialismus zuzuschreiben, doch auch der Tatsache, da? weder die Sowjets noch die bolschewistische Partei eine klare Vorstellung von dem Aufbau der neuen Gesellschaft hatten. Man hatte in der sozialistischen Bewegung wenig dar?ber gesprochen, oder nur in der allgemeinen Formel der Ubernahme der Produktionsmittel durch den Staat. Die Reformsozialisten bildeten sich ein, den bereits innerhalb des Kapitalismus auf dembkratischem Wege eroberten Staat zu diesen Zwecken verwenden zu k?nnen. Lenin indes hielt es f?r unerl??lich, jede Art von b?rgerlichem Staat zu zerschlagen und einen neuen Staatsapparat zu formen, der nicht mehr ein Staat im alten Sinne war. Dieser neue Staat w?re identisch mit der Diktatur des Proletariats.

Auch hier st?tzte sich Lenin auf Marx und Engels, speziell auf deren Beschreibung der Pariser Kommune als eines Beispiels der proletarischen Diktatur. Nach Marx und Lenin war es die gro?e Lehre der Kommune, da? man den b?rgerlichen Staat nicht ?bernehmen konnte, sondern da? er zerst?rt werden mu?te, um einem neuen Arbeiterstaat Platz zu machen, der dann im Laufe der sozialistischen Entwicklung von selbst absterben und damit die klassenlose kommunistische Gesellschaft enth?llen w?rde. ?St?rzt man die Kapitalisten", schrieb Lenin in Staat und Revolution, ?schl?gt man mit der eisernen Faust der bewaffneten Arbeiter den Widerstand dieser Ausbeuter nieder, zerbricht man die bureaukratische Maschinerie des modernen Staates ? so hat man einen von dem ?Parasiten? befreiten Mechanismus von hoher technischer Vollkommenheit vor sich, den die vereinigten Arbeiter sehr wohl selbst in Gang bringen k?nnen, indem sie Techniker, Aufseher, Buchhalter anstellen und sie alle, wie ?berhaupt alle ?Staatsbeamten?, f?r Arbeiterlohn ihre T?tigkeit aus?ben lassen. Das ist die konkrete, sofort ausf?hrbare Aufgabe gegen?ber allen Trusts, die die Werkt?tigen von der Ausbeutung befreit und die Erfahrungen verwertet, die die Kommune (insbesondere auf dem Gebiet des Staatsaufbaus) praktisch bereits zu machen begonnen hatte."23

In Wahrheit waren die Erfahrungen der Pariser Kommune sehr beschr?nkter Natur: einerseits bestimmt durch die Umst?nde, die zu ihrer Bildung f?hrten, andererseits durch die Zerrissenheit und Zielunsicherheit der Kommunarden selbst. Nur ein kleiner Bruchteil ihres Ausf?hrenden Komitees bestand aus Arbeitern, und nur eine Handvoll aus Marxisten. Die Mehrheit ihrer F?hrer stammte aus dem Kleinb?rgertum und zerfiel in Anh?nger Proudhons, Blanquis und Neo-Jakobiner. Sie waren vornehmlich politisch interessiert und vertraten den Kleinbesitz ebensosehr, wie sie die Ausbeutung der Arbeiter verwarfen. Sie waren im Sinne Proudhons antistaatlich eingestellt und hofften auf eine nationale freie F?deration autonomer Kommunen. Doch die Mehrheit der Pariser Arbeiter setzte sich f?r die Kommune ein.

F?r Marx war die Kommune ?wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse; (...) die endlich entdeckte politische Form, unter der die ?konomische Befreiung der Arbeiter sich vollziehen konnte".24 Trotz all den ihnen vom Marxschen Standpunkt aus noch anhaftenden M?ngeln war die Kommune gegen die Bourgeoisie gerichtet: eine Regierungsform, in der Arbeiter ihre F?higkeit zur gesellschaftlichen Herrschaft demonstrierten. Sie hatte zwar noch keinen sozialistischen Charakter, aber die politische Herrschaft der Arbeiter mu?te nach Marx entweder zu deren Emanzipation f?hren oder wieder in sich zusammenbrechen. Marxens Einstellung zur Kommune wurde von seinen anarchistischen Gegnern als reiner Opportunismus ausgelegt. ?Der Eindruck des kommunistischen Aufstandes war so gewaltig", schrieb Bakunin, ?da? selbst die Marxisten, deren Ideen durch diesen Aufstand ?ber den Haufen geworfen waren, sich gezwungen sahen, vor ihm den Hut abzuziehen: Sie taten noch mehr, im Widerspruch mit aller Logik und mit all ihren eigensten Gef?hlen machten sie das Programm der Kommune und ihr Ziel zu dem ihrigen. Es war eine komische, aber erzwungene Travestie. Sie mu?ten sie machen, sonst w?ren sie abgesto?en und von allen verlassen worden, so m?chtig war die Leidenschaft gewesen, die diese Revolution in der ganzen Welt hervorgerufen hatte."25

Die gro?en Leidenschaften, die die Kommune bei Bourgeoisie und Proletariat zugleich hervorrief, zeigten an, da? die gesellschaftliche Klassenteilung in ihrem Wirkungsverm?gen all die ideologischen und sogar materiellen Differenzen, die jeder besonderen Klasse eigen sind, weit ?berragt. Es war nicht das spezielle Programm der Kommune, ob f?deralistisch oder zentralistisch, die aktuelle oder nur potentielle Enteignung der Bourgeoisie, was den entfachten Leidenschaften zugrunde lag, sondern die einfache Tatsache, da? ein gro?er Teil der Arbeiterklasse die b?rgerliche Herrschaft ablehnte, sich bewaffnete und sich anschickte, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. In der brutalen Antwort der Bourgeoisie auf diesen ersten, noch schwachen Versuch proletarischer Selbstbestimmung erkannten die Arbeiter der ganzen Welt, nicht nur die in Paris, die grenzenlose Wut und Unvers?hnlichkeit des Klassenfeindes. ?berall standen sie solidarisch hinter den Pariser Arbeitern in v?lliger Unabh?ngigkeit von allen existierenden theoretischen und praktischen Differenzen innerhalb der Arbeiterbewegung. Es war deshalb ?berfl?ssig, nach den Motiven zu suchen, die Marx zum Verteidiger der Kommune machten. Was Marx von den Kommunarden trennte, war angesichts des nackten Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat v?llig unerheblich. Was Marx mit der Kommune verband, war die Tatsache dieser direkten Auseinandersetzung, die nichts anderes zulie? als die Verteidigung der Kommune ? so wie sie war.

Marx? in gro?er Eile verfa?te Denkschrift zum B?rgerkrieg in Frankreich kann nicht als Anleitung zur proletarischen Revolution und f?r den Aufbau eines sozialistischen Staates angesehen werden ? um so weniger, als Marx vor, w?hrend und nach dem Fall der Kommune ihr jede Erfolgsm?glichkeit abgesprochen hatte. Zehn Jahre sp?ter schrieb er an Nieuwenhuis: ?Sie werden mich vielleicht auf die Pariser Kommune verweisen; aber abgesehen davon, da? dies blo? Erhebung einer Stadt unter ausnahmsweisen Bedingungen war, war die Majorit?t der Kommune keineswegs sozialistisch, konnte es auch nicht sein. Mit geringem Quantum common sense h?tte sie jedoch einen der ganzen Volksmasse n?tzlichen Kompromi? mit Versailles ? das allein damals Erreichbare ?erreichen k?nnen. Die Appropriation der Banque de France allein h?tte der Versailler Gro?tuerei ein Ende mit Schrecken gemacht, etc. etc."26

So hoffnungslos der Kampf der Kommune war, so deutete er doch auf die Notwendigkeit der proletarischen Diktatur zur Zerst?rung des b?rgerlichen Staates hin. Aber die Kommune kann nicht, wie Lenin behaup187tet, als Modell eines kommunistischen Staates angesehen werden, schon deshalb nicht, weil das eigentliche ?,Endziel des proletarischen Klassen-kampfes nicht irgendein noch so ?demokratischer?, ?kommunaler? oder auch ?r?tem??iger? Staat, sondern die klassenlose und staatenlose Gesellschaft"27 ist. F?r Lenins Staatstheorie war die Kommune von ausschlaggebender Bedeutung nicht aufgrund ihres wirklichen Inhalts, sondern weil sie in Marx? und Engels? Rhetorik als proletarische Diktatur gefeiert worden war und Lenin es f?r richtig hielt, sich auf deren Autorit?t zu berufen. Angefeuert durch die Revolution, und im Widerspruch zu der bisherigen Uberzeugung, da? den Arbeitern nicht die F?higkeit des selbst?ndigen revolution?ren Handelns gegeben ist, sprach er nun in Staat und Revolution von der M?glichkeit, ?das ?Kommandieren? zu beseitigen und die Staatsverwaltung auf die Organisation der Proletarier (als herrschende Klasse) zu reduzieren".28

Der Staat, den Lenin im Auge hat, ist jedoch der antizipierte bolschewistische Staat, der die Interessen der Arbeiter vertritt und sich auf die bewaffnete Arbeiterklasse st?tzt. Dieser Staat macht nach Lenin alle Menschen zu Angestellten der Staatsmacht und verwandelt damit die ganze Gesellschaft in ein Bureau und eine Fabrik, mit gleicher Arbeit und gleichen L?hnen f?r alle. Lenin wei? nat?rlich, da? nach Marx die sozialistische Organisation der Produktion und Verteilung nicht Sache des Staats, sondern die der assoziierten Produzenten ist, die den Staat durch die Konsolidierung der klassenlosen Gesellschaft ?berfl?ssig machen. Lenin sah jedoch das ?Absterben" des Staates in einem anderen Licht. ?Von dem Augenblick an", schreibt er, ?,wo alle Mitglieder der Gesellschaft oder wenigstens ihre ?bergro?e Mehrzahl selbst gelernt haben, den Staat zu regieren, selbst diese Angelegenheit in ihre Hand genommen haben, die Kontrolle ?in Gang? gebracht haben ?ber die verschwindende Minderheit der Kapitalisten, (...) ?ber die Arbeiter, die durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind, von diesem Augenblick an beginnt die Notwendigkeit irgendeines Regierens ?berhaupt zu verschwinden."29 Mit anderen Worten: Der Staat stirbt nicht w?hrend des Sozialisierungsprozesses ab, sondern er erm?glicht erst die Sozialisierung ? ein Zustand, der so lange dauert, bis die gro?e Mehrheit gelernt hat, ?den Staat zu regieren", womit sich dann der Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft verwischt. Die Identifizierung der Partei mit dem Proletariat, der Parteidiktatur mit der proletarischen Diktatur wurde so zur Identifizierung von Staat und Gesellschaft ausgeweitet. Was im Kommunismus erlischt, ist nicht der Staat als Organisationsprinzip der Gesellschaft, sondern nur die staatliche Diktatur, die in der klassenlosen Gesellschaft ?berfl?ssig ist.

Lenin war der Uberzeugung, da? die Industrialisierung Ru?lands nicht von der liberalen Bourgeoisie abh?ngig war, sondern ebensogut, wenn nicht besser, durch die Initiative des Staates erreicht werden konnte. Die Zentralisation der Kommandogewalt ?ber die wirtschaftlichen und politischen Verh?ltnisse erschien ihm nicht nur notwendig, um die dem Sozialismus widerstehenden oder entgegenarbeitenden Kr?fte lahmzulegen, er hielt die Zentralisation dar?ber hinaus f?r die unerl??liche Voraussetzung der modernen Industriegesellschaft, sei sie kapitalistisch oder kommunistisch orientiert. Im Kommunismus allerdings diente sie nicht l?nger einer besonderen Klasse, sondern der Gesellschaft als Ganzes und h?rte damit auf, ein Herrschaftsverh?ltnis zu sein. In der Zwischenzeit war die zentrale Bestimmungsgewalt Ausdruck der proletarischen Diktatur, und Lenin erwartete, da? die Arbeiterklasse sich mit dem bolschewistischen Staat genau so identifizieren w?rde, wie dieser Staat sich mit den Arbeitern identifizierte.

Mit den Bauern stand es jedoch anders. Sie lie?en sich nicht in die ?eine gro?e Fabrik" eingliedern und zu ?Angestellten des Staates" machen. Sie hatten ihre Revolution gemacht, um sich Land als Privateigentum anzueignen, unber?hrt von der Tatsache, da? dem Namen nach alles Land der Nation geh?rte. Die Konzessionen an die Bauern waren der Preis, den die Bolschewiki f?r die Staatsmacht zu zahlen hatten und der ihnen zwar die politische, aber nicht die wirtschaftliche Unterst?tzung der Bauern sicherte. Die Aufteilung des Gro?grundbesitzes hatte Milli?nen kleiner Bodenbesitzer hervorgebracht, die zum gro?en Teil nur f?r den Eigenbedarf produzierten. Doch selbst die f?r den Markt wirtschaftenden Bauern verweigerten dem Staat ihre Waren, da er nichts zum Austausch anzubieten hatte. Die Innenpolitik der Bolschewiki wurde von ihrem Verh?ltnis zu den Bauern bestimmt. Deren Zufriedenstellung konnte nur auf Kosten der Arbeiter geschehen, die Interessen der Arbeiter nur auf Kosten der Bauern wahrgenommen werden. Um an der Macht zu bleiben, verschrieb sich die bolschewistische Politik mal der einen, mal der anderen Klasse, um sich zuletzt durch den Aufbau eines absolutistischen Staatsapparates, der die ganze Gesellschaft beherrschte, von beiden unabh?ngig zu machen.

Gew?hnlich wird der B?rgerkrieg f?r die bolschewistische Diktatur verantwortlich gemacht. Weil das so ist, ist es nicht weniger wahr, da? der B?rgerkrieg den Bolschewisten die Staatsmacht sicherte. Als erste Organisation, neben der Partei, wurde die Tscheka zur Bek?mpfung der Gegenrevolution in allen ihren Manifestationen organisiert. Eine Rote Armee ersetzte die ?bewaffneten Arbeiter", in der Armee die traditionelle Disziplin die Soldatenr?te. Die Rote Armee k?mpfte gegen innere und ?u?ere Feinde und ben?tigte ?Spezialisten", d. h. Offiziere der zaristischen Armee, die sich den Bolschewiki zur Verf?gung stellten. Das Prestige der Regierung wuchs durch die Siege der Armee. Was immer sonst ihre Einstellung war, im B?rgerkrieg standen die Bauern und Arbeiter notgedrungen auf Seiten der Bolschewiki, da die R?ckkehr des alten Regimes nur zu ihrem Schaden sein konnte. Die Bauern verteidigten ihren neuen Besitz, die Menschewiki, Sozialrevolution?re und Anarchisten ihr nacktes Leben. Der Interventionscharakter des B?rgerkrieges gab diesem einen nationalen Anstrich und erlaubte der Regierung, ihn im Namen der Vaterlandsverteidigung zu f?hren.

Das Ende des B?rgerkrieges f?hrte nicht zur Milderung, sondern zur Versch?rfung der bolschewistischen Diktatur, die sich nunmehr ausschlie?lich gegen die innere, bisher ?,loyale Opposition" richtete. Bereits im M?rz 1919 waren auf dem Bolschewistischen Parteitag Stimmen laut geworden, die die Unterdr?ckung aller Oppositionsparteien verlangten. Aber erst 1921 war die Partei bereit, alle unabh?ngigen politischen Parteien und die Oppositionsgruppen in der eigenen Partei auszuschalten. Der siegreiche Abschlu? des B?rgerkrieges hatte der Opposition auch die M?glichkeit gegeben, die Parteidiktatur als nicht l?nger entschuldbar anzugreifen. Die Bauern verlangten das Ende der Zwangsrequisitionen, zu denen sich die Bolschewiki gezwungen sahen, und die Arbeiter protestierten gegen die schlechte Versorgung und die Antreiberei in den Betrieben. Die Welle von Streiks und Demonstrationen erreichte ihren H?hepunkt im Kronstadter Aufstand.

Die Rebellionen richteten sich nicht gegen das Sowjetsystem, sondern gegen die bolschewistische Partei-Diktatur. F?r alle Mi?st?nde der sozialen Situation wurde die Regierung verantwortlich gemacht; aber die Regierung war durch das System der R?te nicht l?nger beeinflu?bar. Um dieses System demokratisch zu nutzen, mu?te man das bolschewistische Regierungsmonopol sprengen. Das Verlangen nach ?freien Sowjets" bedeutete Sowjets, die frei waren von der bolschewistischen Bevormundung, was praktisch nur hei?en konnte: Sowjets ohne Bolschewisten. Es bedeutete politische Freiheit f?r alle Organisationen und Tendenzen, die an der russischen Revolution teilgenommen hatten, also auch f?r die Anh?nger der b?rgerlichen Demokratie, die nicht ?ber den Kapitalismus hinausstrebten. Kurz: die Rebellen forderten die R?ckkehr zu den Zust?nden, die vor der Macht?bernahme der Bolschewiki bestanden hatten, d.h. die Zur?cknahme der bolschewistischen Revolution.

Es war unvermeidlich, da? der Kronstadter Aufstand den Beifall aller Feinde des Bolschewismus fand und damit auch den der Reaktion und der Bourgeoisie. Das erlaubte den Bolschewiki, den Aufstand in die Kategorie ?Gegenrevolution" einzureihen, was aber nichts an der Tatsache ?ndert, da? die Aufst?ndischen der Macht der Partei die der Sowjets entgegensetzten. Die Kronstadter Rebellen hatten nicht die Absicht, die zerfallene b?rgerliche Demokratie erneut aufzurichten, sondern versuchten, die Selbstbestimmung der Sowjets zur?ckzugewinnen. Allerdings blieb objektiv nach wie vor die Alternative bestehen: entweder liberaler Kapitalismus oder autorit?rer Staatskapitalismus, da die besonderen Umst?nde Ru?lands, der Widerspruch zwischen den b?uerlichen und den proletarischen Interessen und die ?berwiegende Masse der Landbev?lkerung jedes demokratische Regime zum Kapitalismus zu f?hren drohte.

Der Kronstadter Aufstand ?berzeugte Lenin jedoch davon, da? die Partei den autorit?ren Bogen ?berspannt hatte, und er ?bernahm einige der wirtschaftlichen Forderungen der Aufst?ndischen, um auf politischem Gebiet zugleich die Z?gel noch straffer anzuziehen. Mit der Neuen Okonomischen Politik begann ein teilweiser R?ckzug zur kapitalistischen Marktwirtschaft, um die Bauern auszus?hnen und die St?dte besser zu versorgen. Die Neue Okonomische Politik konnte als einfache Unterbrechung des ?Sozialisierungs-prozesses" angesehen werden oder auch als ein lang andauernder Zustand, der das Risiko enthielt, da? die sich in ihm entwickelnden privatkapitalistischen Interessen den staatskapitalistischen Sektor ?berfl?geln und ihn zuletzt vernichten w?rden. In einem solchen Falle w?re die bolschewistische Revolution vergeblich gewesen, ein Nebenprodukt der b?rgerlichen Revolution. Lenin war aber ?berzeugt, da? eine R?ckkehr zur Marktwirtschaft politisch und wirtschaftlich dadurch in Grenzen gehalten werden konnte, da? man Gro?industrie, Banken und Au?enhandel zentral beherrschte und den Regierungsapparat st?rkte, indem man alle Oppositionsm?glichkeiten in der Gesellschaft und innerhalb der eigenen Partei ausschaltete.

Am Ende jedoch, nach dem Tode Lenins, wurden die in der Neuen ?konomischen Politik liegenden Widerspr?che und Gefahren durch die erzwungene Kollektivierung der Bauern aus dem Wege ger?umt. Dies erforderte eine ?Revolution von oben", einen jahrelangen Kampf gegen die Bauern und den Ausbau eines absolutistischen Staatsapparates, der die Unterwerfung der ganzen Gesellschaft sicherstellte. Der Kurs war wieder auf kapitalistische Akkumulation als Staatskapitalismus gerichtet und hatte die wachsende Ausbeutung und die terroristische Kontrolle der gesamten arbeitenden Bev?lkerung zur Folge. Die in die Revolution gesetzten Erwartungen der Arbeiter und Bauern blieben unerf?llt; sie hatten nur ein Herrschaftssystem gegen ein anderes ausgetauscht: den Zarismus gegen die bolschewistische Diktatur. Dennoch kann von einem ?Verrat" der Revolution nicht die Rede sein. Die bolschewistische Partei hatte nie verheimlicht, da? sie sich berufen f?hlte, die Revolution zu f?hren und den Staat zu beherrschen, um im Interesse der Weltrevolution die scheinbar unabwendbare b?rgerlich-kapitalistische Entwicklung Ru?lands zu verhindern. Und dies ist ihr tats?chlich gelungen, allerdings ohne damit die internationale proletarische Revolution voranzubringen.

DIE DRITTE INTERNATIONALE

Die russische Revolution war ein Produkt des Ersten Weltkrieges. Nach Lenin h?tte die Revolution ohne den Krieg ?,unter Umst?nden vielleicht noch Jahrzehnte auf sich warten lassen". Aber Ru?land war das ?schw?chste und damit ausschlaggebende" Glied in der imperialistischen Kette und wurde so zum Ausgangspunkt der Weltrevolution gegen den imperialistischen Kapitalismus. In den Vorstellungen von Marx und Engels spielte der Imperialismus keine besondere Rolle in der Ausl?sung der proletarischen Revolution; es waren ihrer Meinung nach die inneren Widerspr?che des h?chstentwickelten Kapitalismus, die zur Revolution dr?ngten, obwohl sie zugaben, da? eine Revolution in Ru?land m?glicherweise zu einer europ?ischen Revolution f?hren konnte. F?r Lenin jedoch war der Imperialismus zur Lebensnotwendigkeit des Kapitalismus geworden, der alle Nationen, ohne R?cksicht auf deren Entwicklungsgrad, in die gegen den Imperialismus gerichteten revolution?ren Bewegungen einbezog. Die Revolution hatte daher nicht nur in Ru?land, sondern im Weltma?stab den Charakter einer Volksrevolution, in der die Arbeiter und Bauern entscheidende Faktoren darstellten. Die Weltrevolution konnte als eine Imitation der russischen Revolution in erweitertem Rahmen verstanden werden, so da? die Erfahrungen der russischen Revolution die Probleme der Weltrevolution zu erhellen vermochten. Dementsprechend bezeichnete Stalin den Leninismus als ?,den Marxismus der Periode des Imperialismus".

Der eigene Erfolg in Ru?land erh?rtete die Leninsche Uberzeugung, da? das bolschewistische Organisationsprinzip unerl??lich war. Es sollte auch der neu zu gr?ndenden Internationale zugrunde liegen. Schon bei Ausbruch des Krieges stand fest, da? der abgewirtschafteten Zweiten Internationale eine revolution?re Internationale entgegengesetzt werden mu?te, um die sich in allen L?ndern bildenden Oppositionen gegen den Chauvinismus der Sozialdemokratie zusammenzufassen. Die russische Revolution beschleunigte die Gr?ndung der Internationale, brachte sie aber auch unter die Autorit?t der Revolution und damit letzen Endes unter die Autorit?t der zur Staatsmacht gewordenen bolschewistischen Partei. Die Internationale hatte von vornherein den Schutz der russischen Revolution zur Aufgabe, sei es durch die Ausdehnung der Revolution auf andere L?nder, sei es durch die Verteidigung Ru?lands gegen die Anschl?ge der internationalen Bourgeoisie.

Die russische Revolution hatte gro?e Begeisterung im revolution?ren Lager der sozialistischen Bewegung ausgel?st, nicht nur beim linken Fl?gel der sozialdemokratischen Parteien, sondern auch in den Gewerkschaften, bei den Industriearbeitern der Welt (I.W.W.), den Syndikalisten und sogar bei den sonst anti-staatlichen Anarchisten. Die Begeisterung f?r die erste sozialistische Revolution war gro? genug, um f?rs erste die Eigenarten der bolschewistischen Partei und Staatsauffassung zu verwischen. Im ersten Rausch der Revolution hatten selbst die Bolschewiki mehr in ihr gesehen als eine Parteisache. Als die Internationale Wirklichkeit wurde, traten jedoch die praktisch-organisatorischen und strategisch-taktischen Prinzipien des Bolschewismus wieder in den Vordergrund. Sie wurden im gro?en und ganzen akzeptiert und in 21 Bedingungen niedergelegt, die die Grundlage f?r die Aufnahme in die Internationale bildeten.

Die 21 Bedingungen verlangten die Bolschewisierung der sich der Internationale anschlie?enden Organisationen und die Realisierung des Leninschen Zentralisationsprinzips im internationalen Ma?stab. Wie das Zentralkomitee der russischen Partei ihren ?Generalstab" darstellte, so sollte das Zentralkomitee der Internationale zum ?Generalstab" der Weltrevolution werden, dessen Beschl?ssen in den einzelnen nationalen Sektionen unbedingt Folge zu leisten w?re. Da? die Interessen Ru?lands und der bolschewistischen Partei dabei besondere Beachtung fanden, war durch die Beherrschung der Internationale durch die zur Staatsmacht etablierte Partei unvermeidlich. Aber durch die Identifizierung der speziellen Interessen Sowjetru?lands mit den allgemeinen Interessen der Weltrevolution wurde die Unterordnung der Internationale unter die russische Staatspolitik als selbstverst?ndlich aufgefa?t.

In den Jahren des B?rgerkrieges und der Intervention schien die Existenz des bolschewistischen Regimes ausschlie?lich von der Ausbreitung der Revolution in den westeurop?ischen L?ndern abzuh?ngen. Die politischen Revolutionen in den besiegten L?ndern indes f?hrten nicht zu sozialen Umw?lzungen, sondern zur Konsolidierung des kapitalistischen Systems. Obwohl nach der russischen Revolution sich revolution?re Minderheiten f?r das R?tesystem einsetzten, folgte die breite Arbeiter-masse der Sozialdemokratie, deren Ziel sich auf die b?rgerlich-demokratische Republik beschr?nkte. In Deutschland, dem ausschlaggebenden Land, vollzogen die spontan entstandenen Arbeiter- und Soldatenr?te ihre eigene Elimination, indem sie f?r die Einberufung der Nationalversammlung pl?dierten. Die Mittelklasse und die Bauern bildeten bereits die Konterrevolution innerhalb der Revolution. Ohne Zweifel erstrebte die Masse der Arbeiter den Sozialismus, aber f?r sie war die Sozialisierung nicht ihre Aufgabe, sondern die der Regierung ? eine Illusion, die die Sozialdemokratie nur zu gut zu nutzen verstand. Mit dem Versprechen der Sozialisierung verband sich die Niederschlagung der revolution?ren Gruppen, um der Bourgeoisie die Macht zu erhalten.

Wie leicht der Sieg f?r die Bourgeoisie gewesen war, wurde allerdings erst sp?ter klar; die erste Niederschlagung der revolution?ren Kr?fte mu?te nicht zwangsl?ufig die endg?ltige Niederlage bedeuten. Da sich die wirtschaftlichen Zust?nde nur verschlechtern konnten, lag eine weitere Radikalisierung der Arbeiter durchaus im Bereich der M?glichkeit. Ob eine kritische Situation zur Revolution f?hrt, kann nur durch den proletarischen Klassenkampf selbst erprobt werden, und es war die Aufgabe der Revolution?re, neue Erhebungen vorzubereiten. Dies freilich war in den westeurop?ischen L?ndern nur als ein Kampf gegen die parlamentarische Demokratie m?glich, ein Kampf gegen die mit der Bourgeoisie verb?ndeten Parteien und Gewerkschaften und damit f?r das R?tesystem und die Arbeiterdiktatur im wahren Sinne des Wortes. Es gab hier keine revolution?re Bauernbewegung und keine revolution?re Mittelklasse, mit denen sich das Proletariat solidarisch erkl?ren konnte, um die Staatsmacht an sich zu rei?en. Aber die westeurop?ische Arbeiterklasse ist aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position und ihrer quantitativen St?rke sehr wohl imstande, die Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen und ihre politisch-milit?rische Schw?che dadurch auszugleichen. Gleichwohl blieben alle Versuche, die begonnene Revolution im proletarischen Sinne weiterzuf?hren, ohne Erfolg.

Wie schon erw?hnt, war Lenin nach 1920 ?berzeugt, da? auf eine westeurop?ische Revolution nicht mehr zu z?hlen sei, da? aber auch die Gefahr einer Vernichtung der Sowjetmacht vorl?ufig dadurch beseitigt war, da? sich ein Gleichgewicht der internationalen Klassenkr?fte bildete und die imperialistischen Gegens?tze im kapitalistischen Lager zunahmen. Es kam darauf an, die Atempause auszunutzen, um Ru?land und den neuen Staat aufzubauen. Die Schwierigkeiten in Ru?land machten nicht nur den R?ckzug in die Neue ?konomische Politik notwendig, sondern auch den R?ckzug von jeder revolution?ren Au?enpolitik; dies um so mehr, als Lenin es f?r m?glich hielt, Kapital zu importieren und die Operationsbasis auf dem Weltmarkt zu erweitern.

Das westeurop?ische Proletariat hatte versagt, und auch die in die kolonialen V?lker gesetzten Hoffnungen wurden entt?uscht. Wohl entstanden anti-imperialistische Bewegungen, die sich auf Lenins ?Recht der nationalen Selbstbestimmung" st?tzten und sich dem bolschewistischen Regime verbunden f?hlten, aber erst der Zweite Weltkrieg brachte die Aufhebung oder doch zumindest die Abwandlung des alten Kolonialismus. W?hrend die Bolschewiki sich zun?chst nur der allgemeinen Passivit?t angepa?t hatten, sahen sie sich bald zur Passivit?t gezwungen, um den russischen Aufbau nicht erneut zu gef?hrden. Seit 1921 hat sich die Kommunistische Internationale nur noch anti-revolution?r bet?tigt. So erkl?rte Trotzki auf dem 3. Kongre? der Kommunistischen Internationale im Hinblick auf den mitteldeutschen Aufstand: ?Wir d?rfen die Kritik der M?rzaktion nicht phraseologisch verdecken und sind verpflichtet, der deutschen Arbeiterschaft klipp und klar zu sagen, da? wir diese Offensivphilosophie als die gr??te Gefahr und in der praktischen Anwendung als das gr??te politische Verbrechen auffassen."30

In Ru?land selbst entwickelte sich zur gleichen Zeit eine an die Partei gebundene neue Herrschaftsschicht. Die vorrevolution?ren Forder.ungen: "gleiche Arbeit und gleiche L?hne", wie sie Lenin in Staat und Revolution proklamiert hatte, fanden nur insoweit Verwirklichung, als die sogenannte Periode des Kriegskommunismus zur strikten Rationierung der Lebensmittel f?hrte. Doch den ?Spezialisten" der Roten Armee folgten bald die ?Spezialisten" in der Produktion und Verwaltung, und alle Gleichheitsforderungen wurden nun als der nationalen Produktion sch?dlich und als kleinb?rgerlich-anarchistische Vorurteile verworfen. Die Differenzierung der Einkommen spaltete die Gesellschaft erneut in Ausbeuter und Ausgebeutete. Die ?Diktatur des Proletariats" wurde nun von einem Staatsapparat repr?sentiert, von dem Lenin 1923 sagen mu?te, er stelle "im h?chsten Grade ein Uberbleibsel des Alten dar, das in geringstem Grade einigerma?en ernsthaften Ver?nderungen unterworfen ist. Er ist nur leicht ?bert?ncht worden, im ?brigen bildet er den ausgepr?gtesten Typus des Alten aus unserem alten Staatsapparat".31

Die Nutznie?er dieses neuen Zustandes verloren das Interesse an der Weltrevolution im gleichen Ma?e, wie sich ihre eigenen Positionen in Ru?land festigten und verbesserten. In dem 1921 erschienenen Buch Die wirtschaftlichen Probleme der proletarischen Diktatur schrieb Eugen Varga: ,,,Es besteht die Gefahr einer Ausschaltung Ru?lands als Motor der internationalen Revolution. Es gibt in Ru?land Kommunisten, die, des langen Wartens auf die europ?ische Revolution ?berdr?ssig geworden, sich endg?ltig auf eine Isoliertheit Ru?lands einrichten wollen. (...) Mit einem Ru?land, welches die soziale Revolution der anderen L?nder als eine ihm fremde Angelegenheit betrachten w?rde, (...) w?rden die kapitalistischen L?nder allerdings in friedlicher Nachbarschaft leben k?nnen. Es liegt mir fern zu glauben, da? eine solche Einkapselung des revolution?ren Ru?lands den Gang der Weltrevolution aufhalten k?nnte, aber sie w?rde ihn verlangsamen."

Mit dem Ende der revolution?ren ?Offensivphilosophie" mu?te auch die Rolle der kommunistischen Parteien in den westeurop?ischen L?ndern neu bedacht werden. Offensichtlich war es den Kommunisten nicht gelungen, die Massen zu erfassen, und offensichtlich deshalb nicht, weil diese Massen noch nicht revolution?r waren. Wollte man die Arbeiter dennoch f?r die Ziele der Kommunistischen Internationale gewinnen, so mu?ten Konzessionen an deren revolution?re R?ckst?ndigkeit gemacht werden. Lenin war besonders stolz auf sein Talent f?r taktische Man?ver; war ein Weg versperrt, so konnte ein anderer zum selben Ziel f?hren, vorausgesetzt, da? das Ziel stets das Bestimmende blieb. Wenn n?tig, m??te man zu allen Konzessionen und Kompromissen bereit sein, um auf diesen Umwegen das revolution?re Ziel dennoch zu erreichen. Allerdings bestand die Gefahr, da? man auf diesen Umwegen das Ziel aus dem Auge verlor ? eine Gefahr, die eine korruptions-freie F?hrung der Partei abwenden konnte, wenn sie es verstand, im geeigneten Moment von der Konzessionspolitik zur revolution?ren Praxis ?berzugehen.

Abgesehen davon, da? Lenins Ziel ? der auf dem Wege des Staatskapitalismus zu realisierende Staatssozialismus ? nicht das Ziel der westeurop?ischen Arbeiter sein konnte, mu? man zugeben, da? Lenin das eigene Ziel niemals verleugnet hat. Lenins au?erordentliche Selbstsicherheit und Rechthaberei grenzte sicher ans Pathologische, aber das bewahrte ihn auch vor der Prinzipienlosigkeit der nur nach pers?nlicher Macht strebenden Politiker. Sie sch?tzen ihn jedoch nicht vor der Illusion, da? die sozialistische Bewegung letzten Endes von ihrer F?hrung und damit von ihm selbst abhing. Er war ?berzeugt, da? man die Gegner auf allen Gebieten zu ?bertrumpfen habe, und da? man kl?ger und gerissener sein m?sse als die kapitalistischen Gegenspieler. Konnte man nicht mit den eigenen Waffen sein Ziel erreichen, so mu?te man die Waffen der Bourgeoisie gegen sie kehren. Die ?rote Diplomatie" mu?te die Rivalit?ten innerhalb des kapitalistischen Lagers geschickt ausspielen, um die Interessen Ru?lands, und damit die der Weltrevolution, zu f?rdern. Der Profithunger der Kapitalisten mu?te ausgenutzt werden, um sie zu Investitionen in Ru?land zu verleiten, die letzten Endes, mit der Entwicklung Ru?lands, die Weltrevolution vorw?rtstrieben. Der ?rote Handel" diente nicht nur den momentanen Interessen der russischen Wirtschaft, sondern wurde zum indirekten Mittel der proletarischen Revolution. Die Bourgeoisie erlaubte sich den Luxus des Parlamentarismus und bot so der Partei eine ?,Trib?ne revolution?rer Propaganda" zum Schaden der b?rgerlichen Demokratie. Die Gewerkschaften waren ohne Zweifel konterrevolution?r, aber wenn man in ihnen arbeitete, hatte man die M?glichkeit, sie in Instrumente der Revolution zu verwandeln. Die Partei mu?te ?berall sein, das ganze System durchdringen, um im geeigneten Moment, im direkten Kampf um die Macht, ihr wahres Gesicht zu enth?llen.

Damit war die Strategie der Dritten Internationale wieder auf die verfemte sozialdemokratische Praxis der Vergangenheit gerichtet. Ihre nationalen Sektionen wuchsen, indem sie sich zu konkurrierenden Wahlparteien reduzierten, um innerhalb des Kapitalismus an Gewicht zu gewinnen. Die revolution?ren Eliteparteien wurden zu Massenparteien, ohne jedoch ihre ultra-zentralistische innere Struktur aufzugeben.

Die im Namen der Disziplin entm?ndigten Mitglieder n?hrten sich von dem Mythus der russischen Revolution und sahen im Wachsen der Organisationen die Verhei?ung des k?nftigen Siegs der eigenen Revolution. Der Leninismus entpuppte sich als eine eigenartige Mischung zwischen sozialdemokratischen Traditionen, Erfahrungen der bolschewistischen Partei und Bed?rfnissen der russischen staatlichen und nationalen Politik ? eine Kombination, mit der sich in Westeuropa keine revolution?re Politik machen lie?, selbst dann nicht, wenn dies die Aufgabe der Dritten Internationale gewesen w?re.

DER LENINISMUS, GESTERN UND HEUTE

Abgesehen von den wenigen Kennern der russischen Sozialdemokratie war Lenin in der westlichen Arbeiterbewegung der Vorkriegsjahre fast unbekannt. Das ?nderte sich jedoch durch seine konsequente sozialistische Einstellung zum Krieg, die ihn in den Mittelpunkt der Renaissance der internationalen revolution?ren Bewegung stellte. Er stand auf dem linken Fl?gel der Zimmerwald-Bewegung und agitierte f?r die Umwandlung des Krieges in den B?rgerkrieg, f?r den absoluten Bruch mit der Zweiten Internationale und f?r die Formierung neuer revolution?rer Parteien. Die Differenzen zwischen Lenin und der westeurop?ischen Linken verbla?ten angesichts der gemeinsamen Aufgaben, und der Sieg der bolschewistischen Partei in Ru?land wurde allgemein gefeiert. Trotz vieler Vorbehalte und der Kritik an der Taktik der Bolschewiki begr??te Rosa Luxemburg die bolschewistische Revolution, weil sie ?zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik proklamierte".32 Sie bef?rchtete allerdings, da? die von den Bolschewiki ausge?bte Diktatur gef?hrlich werden k?nnte, wenn die Bolschewiki aus der Not eine Tugend machten und ?ihre von diesen fatalen Bedingungen auf gezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen St?cken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik (...) empfehlen".33

Das war nat?rlich genau das, was die Bolschewiki taten und was Lenins ?Beitrag zum Marxismus" ausmacht. Obschon Rosa Luxemburgs eigene politische Einstellung noch unter der sozialdemokratischen Tradition litt, sah sie doch, da? diese Art Diktatur sich auch gegen die Arbeiter richten mu?te. Die Arbeiter, die sich f?r das R?tesystem einsetzten, pl?dierten zwangsl?ufig f?r die Diktatur, da das R?tesystem praktisch die Diktatur des Proletariats bedeutet. Sie wandten sich gegen Lenin, nicht weil er die Diktatur forderte, sondern weil er eine Parteidiktatur meinte und weil er den westeurop?ischen Arbeitern die R?ckkehr zur sozialdemokratischen Praxis empfahl. Ein Teil der revolution?ren Arbeiter hatte jedoch die Hoffnung auf die Revolution nicht aufgegeben. Doch auch ohne Aussicht auf die proletarische Revolution hielten sie es f?r unerl??lich, mit dem politischen Parlamentarismus und der Gewerkschaftsbewegung endg?ltig zu brechen, da die Unzul?nglichkeit dieser politischen und organisatorischen Formen der Arbeiterbewegung geschichtlich bereits erwiesen sei. Als Mittel und Ziel dieser Neuorganisation galt ihnen nun die reine R?tebewegung.

An dieser Frage spalteten sich die kommunistischen Parteien. Die als Kommunistische Arbeiter-Partei und Allgemeine Arbeiter-Union organisierten Marxisten wiesen darauf hin, da? die Lage der Arbeiter, obwohl die Bourgeoisie in den sozialen K?mpfen vorerst gesiegt hatte, sich nur verschlechtern konnte, so da? f?r sie der Krisenzustand bestehen blieb. In dieser Situation sei nicht zu erwarten, da? die Gewerkschafts-bewegung und die parlamentarischen Parteien die unmittelbaren Bed?rfnisse der Arbeiter befriedigen k?nnten, womit sie ihre klassenvers?hnende Funktion verlieren und sich als direkte Werkzeuge der Bourgeoisie offenbaren m??ten. Da objektiv die Situation eine revolution?re blieb, sollte der Aufbau zeitgem??er revolution?rer Organisationen und die Zerst?rung der traditionellen Arbeiterorganisationen fortgesetzt werden. Gegen diese Auffassung verfa?te Lenin seine unr?hmlich ber?hmte Schrift Der Radikalismus, eine Kinderkrankheit des Kommunismus (1921), die bald f?r die Quintessenz des Leninismus gehalten wurde.

Trotz der sich stetig verschlimmernden Lage gelang es den linken Kommunisten nicht, wirksame revolution?re Organisationen auf zubauen. Die Massen blieben im Bannkreis der traditionellen Organisationen, zu denen nun auch die kommunistischen Parteien zu rechnen waren. Es existierten nun neben den Gewerkschaften zwei sozialdemokratische Parteien, die sich einzig in der Phraseologie, und auch darin nicht immer, voneinander unterschieden. Allerdings diente die eine dem deutschen Kapitalismus und die andere vornehmlich dem russischen Staatskapitalismus. Die Theorie und Praxis der kommunistischen Parteien, d.h. der Leninismus, beherrschte die gesamte pseudo-kommunistische Bewegung und fand bald durch den zus?tzlichen Begriff des Stalinismus eine fatale Erg?nzung.

Der Marxismus-Leninismus-Stalinismus repr?sentiert den Niedergang der kommunistischen Bewegung im Weltma?stab. Er ist der Ausdruck der auf den Ersten Weltkrieg folgenden verlorenen Revolution ? insoweit sie als proletarische Revolution gelten konnte. Er ist dieser Revolution gegen?ber ein Teil der internationalen Konterrevolution, ungeachtet der verbleibenden Gegens?tze, die den russischen Staatskapitalismus vom westlichen Monopolkapitalismus scheiden, und unbeschadet der Leninschen Vorstellung der proletarischen Revolution als eines ?dialektischen" Umschlags der b?rgerlichen Revolution. Um die Leninsche Konzeption zu rechtfertigen, w?re es notwendig, die Existenz des Sozialismus in Ru?land nachzuweisen, was aber nur bei einer Verwechslung von Ideologie mit Wirklichkeit m?glich ist. Nur wenn der Sozialismus sich auf die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln beschr?nken lie?e, k?nnte man, und auch dann nicht v?llig, die russische Gesellschaft als sozialistische bezeichnen. Aber da sich Ru?land in allen anderen sozialen Beziehungen nicht von den ausgesprochen kapitalistischen L?ndern unterscheidet, kann man nicht behaupten, da? die russische Revolution bereits zum Sozialismus gef?hrt hat.

Im internationalen Ma?stab und f?r die internationale Arbeiterbewegung hat der Leninismus nur von einer Niederlage zur anderen gef?hrt, wenn es sich auch zumeist nur um kampflose Niederlagen handelte.

Wenngleich dieser vollkommene Zerfall der internationalen revolution?ren Bewegungen seinen Tiefpunkt nach dem Tode Lenins erreichte, f?llt die Verantwortung daf?r dem Leninismus als einer Basis der stalinistischen Politik zu. Obwohl es mehrfach versucht wurde, kann man vom Stalinismus nicht abstrahieren, wenn man vom Leninismus spricht. Aber selbst da, wo es geschieht, bleibt die Tatsache bestehen, da? der Leninschen Revolution durch das Konzept der staatskapitalistischen Partei-diktatur bereits die Gegenrevolution eingebaut war. Allerdings lassen sich gewichtige Unterschiede zwischen Lenin und Stalin ermitteln, da der eine die ihm als notwendig erscheinende Diktatur nur begann, w?hrend der andere sie bis zur ?u?ersten Vollendung brachte. Auch ihr Stil war unterschiedlich: bei Lenin wurde die Wahrheit zur Demagogie, w?hrend f?r Stalin die Demagogie zur Wahrheit wurde.

Es mag sein, da? die internationale Arbeiterbewegung auch bei einer anderen Politik der Dritten Internationale zusammengebrochen w?re. Man kann sich auch vorstellen, da? der Leninismus auf Ru?land beschr?nkt geblieben w?re, ohne da? sich deshalb eine konsequente kommunistische Bewegung in Westeuropa entwickelt h?tte. Das ?ndert aber nichts an dem Sachverhalt, da? so, wie die Dinge lagen, die russische Revolution aus ihren eigenen Bed?rfnissen heraus und aufgrund der Ideen Lenins verurteilt war, der internationalen Konterrevolution Vorschub zu leisten und selbst zu einem gegenrevolution?ren Faktor zu werden. F?r die westeurop?ischen kommunistischen Parteien bedeutete die Haltung der Dritten Internationale allerdings nicht mehr als die Absage an jede revolution?re Politik ? bis zur kampflosen Selbstaufgabe unter der faschistischen Diktatur.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg neubelebten kommunistischen Parteien des Westens sind mit dem Leninismus der russischen Revolution nur noch rein ideologisch verbunden. In ihrer Praxis sind sie einfache Reformparteien, die sich von der Sozialdemokratie nur wenig unterscheiden, jedenfalls nicht in ihrer Bereitwilligkeit, an kapitalistischen Regierungen teilzunehmen und die b?rgerliche Demokratie zu verteidigen, die nun von neuem als der einzig gangbare Weg zum Sozialismus gepriesen wird. Die ?echten Leninisten" sind darum nicht mehr in den kommunistischen Parteien zu finden, sondern bei den Opponenten des Stalinismus, die der ?verratenen" Revolution die falschverstandene Doktrin Lenins entgegensetzen.

Die wahre Bedeutung der bolschewistischen Revolution war nicht von vornherein ersichtlich und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg v?llig klar. Wir m?ssen daran erinnern, da? sich Lenin in seiner Einstellung zur b?rgerlichen Revolution auf die Marxsche Politik von 1848 bezog. In einem kapitalistisch-unentwickelten Land ist die b?rgerliche Revolution, historisch gesehen, auch vom Arbeiterstandpunkt aus fortschrittlich, da erst die entwickelte kapitalistische Gesellschaft dem Sozialismus seine Chance gibt. Aber hier handelt es sich um historische Perioden, nicht um ein paar Monate oder, genau genommen, um die Zeit vom Februar bis zum Oktober 1917. Wie schon bemerkt, nahm Lenin jedoch an, da? in der Periode des Imperialismus, ?des h?chsten Stadiums des Kapitalismus", die b?rgerliche Revolution direkt in die proletarische umschlagen werde, wenn beide Arten der Revolution in verschiedenen L?ndern zeitlich zusammenfallen. Es spielte deshalb keine Rolle, in welchen L?ndern, entwickelten oder unentwickelten, die Revolution zuerst ausbrach; sie mu?te im Namen der sozialistischen Weltrevolution gef?hrt werden. Da die Bev?lkerungsmehrheit in den unentwickelten L?ndern sich aus rebellierenden Bauern zusammensetzt und eine kleine Minorit?t moderner Proletarier auch schon vorhanden ist, sollte es m?glich sein, die b?rgerlichen und proletarischen Revolutionen durch die Existenz revolution?rer Parteien zu integrieren, die sozusagen ?ber den besonderen Klassen stehen, oder besser: die die durch den Imperialismus geschichtlich gebotene Chance ausnutzen, um auf politischem Wege die sonst ordin?re kapitalistische Wirtschaftsentwicklung in den allgemeinen Fortschritt zum Sozialismus umzuleiten.

Tats?chlich sind b?rgerliche Revolutionen des alten Typs nicht l?nger m?glich, d.h. Revolutionen der liberalen Bourgeoisie und der Bauern gegen die feudale Oberherrschaft. Der Monopolkapitalismus und dessen Kontrolle ?ber den Weltmarkt, verbunden mit der fortschreitenden nationalen und internationalen Konzentration des Kapitals, erlauben den unentwickelten L?ndern keine selbst?ndige nationale kapitalistische Entwicklung. Das ist nur durch die L?sung aus dem kapitalistischen Weltmarktsystem m?glich, und durch die politische Befreiung aus der imperialistischen Unterjochung. Der erste Versuch ist auf dem Wege der Konkurrenz und der langsamen Entwicklung kapitalistischen Privateigentums, so wie sie sich einst in den dominierenden kapitalistischen L?ndern vollzogen hat, nicht m?glich; der zweite ben?tigt national-revolution?re Befreiungskriege, die sich ebenso gegen die mit der internationalen Bourgeoisie verwachsene und von ihr abh?ngige eigene herrschende Klasse richten wie gegen das imperialistische Kapital. Da sich der Kampf der unterdr?ckten Nationen auf die Volksmassen st?tzen mu? und gegen das ausl?ndische Kapital gerichtet ist, kann er nicht mit kapitalistischer Ideologie gef?hrt werden, sondern mu? sich ideologisch als anti-kapitalistisch ? oder sozialistisch ? pr?sentieren. Die Tr?ger dieser Ideologie sind die der Entwicklungsm?glichkeiten beraubten intellektuellen Mittelschichten, die durch die nationale Revolution und die Beherrschung des Staatsapparates zur neuen herrschenden Klasse werden.

Die vorhandene Konzentration des herrschenden Kapitals mu? mit der noch weitergehenden Kapitalkonzentration durch den Staat wettgemacht werden. Die unerl??liche und verz?gerte Industrialisierung fordert einen wachsenden Teil der nationalen Produktion zu Zwecken der Kapitalakkumulation. Die Bauernrevolution f?hrt zu einer zweiten staatlich-organisierten ?Revolution" gegen die Bauern, um auf dem Wege der kollektiven Wirtschaft das landwirtschaftliche Mehrprodukt zu vergr??ern. Das industrielle Proletariat w?chst mit der Industrialisierung, braucht aber noch Jahrzehnte, um zur ausschlaggebenden sozialen Klasse zu werden. Was sich hier vollzieht, ist die forcierte kapitalistische Entwicklung ohne die traditionellen Kapitalisten in Vorbereitung auf die Umst?nde, die erst zu einem sp?teren Termin eine sozialistische Revolution m?glich, aber auch unerl??lich machen, da dieser Proze? mit der Herausbildung einer neuen herrschenden Klasse verbunden ist, die die von ihr geschaffenen und ihre Privilegien garantierenden sozialen Verh?ltnisse zu verewigen sucht.

Da Ru?land das Musterbeispiel dieser gesellschaftlichen Transformation ist, kann mit Sicherheit gesagt werden, da? Lenins Theorie vom Aufbau des Sozialismus durch den Staat auf der idealistischen Illusion beruht, da? der reine revolution?re Wille zur Revolution und zum Sozialismus gen?gt, um alle diesem Willen entgegengesetzten Kr?fte aus dem historischen Geschehen auszuschalten. Was Lenin erreichen konnte, war nur das, was der notwendigen Entwicklung der kapitalistisch zur?ckgebliebenen L?nder unter den gegebenen Umst?nden entspricht und was nicht notwendigerweise mit Marxscher Ideologie verkleidet sein mu?. Der Proze?, der Ru?land verwandelte, wiederholte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum Teil mit, zum Teil ohne die Marxsche Theorie in den nationalen Befreiungsk?mpfen in Asien und Afrika, wo in vielen F?llen die bolschewistische Partei durch die Armee ersetzt werden konnte.

Die national-revolution?ren Bewegungen der Dritten Welt sind nicht Zeichen einer herannahenden weltweiten sozialistischen Revolution, sondern aus der Not geborene Versuche der eigenen Kapitalisation, deren erste Voraussetzung der Kampf gegen den alten Imperialismus ist. In dem Ma?e, in dem es den national-revolution?ren L?ndern gelingt, sich von fremder Ausbeutung zu befreien, vertiefen sich die dem Kapitalismus eigenen Schwierigkeiten und tragen zu seiner Aufl?sung bei. Als Ausdruck des zerfallenden Kapitalismus sind diese Bewegungen vom proletarischen Klassenstandpunkt aus zu begr??en; aber das ?ndert nichts an der Tatsache, da? sich die Ziele der proletarischen Revolution nicht mit denen der nationalen Selbst?ndigkeitsbestrebungen vereinbaren lassen. Zu einer Zeit, in der sich L?nder, die sich auf den Leninismus berufen, als Feinde gegen?berstehen, ja sich gegenseitig zu zerst?ren drohen und in der national-staatskapitalistische Interessen, wie alle nationalen Interessen, als imperialistische Interessen auftreten, ist es nicht mehr m?glich, von einer Identit?t der national-revolution?ren und der proletarischen Bewegung zu sprechen.

Es w?re nat?rlich sch?n, wenn sich die anti-kapitalistischen und anti-imperialistischen Bewegungen in einer gro?en gemeinsamen Front gegen den imperialistischen Kapitalismus zusammenfassen und unter eine einheitliche revolution?re F?hrung bringen lie?en. Aber das ist nur in der Vorstellung, nur als Idee m?glich, da die Verschiedenheiten der materiellen und sozialen Zust?nde in den einzelnen L?ndern eine solche revolution?re Einheitsfront ausschlie?en. Die national-revolution?ren Bewegungen k?nnen nicht zum Sozialismus f?hren, und die einzige Revolution, die die Arbeiter des Westens machen k?nnen, ist die sozialistische Revolution. Die Theorie und Praxis des Leninismus liegt jedoch noch vor der sozialistischen Revolution, die erst noch ihre eigene Theorie und Praxis zu entwickeln hat. Wenn die Leninisten nicht m?de werden, den sehr allgemeinen Satz, da? ?es ohne revolution?re Theorie keine revolution?re Bewegung geben" kann, wie ein Gebet herzusagen, so kann man dem zwar zustimmen, mu? aber zugleich fragen: Wesbalb gerade Lenins Theorie?



Anmerkungen

* In: Lenin. Revolution und Politik. Aufs?tze von Paul Mattick, Bernd Rabehl, Juri Tynjavow und Ernest Mandel, Frankfurt am Main, 1970.

1 Lenin, Was tun? (1902). In: Ausgew?hlte Werke, Berlin 1932, Bd. II, S. 99.

2 Ibid., S.62.

3 Ibid., S. 63.

4 Ibid., S. 68.

5 Lenin, Ein Schritt vorw?rts, zwei Schritte zur?ck (1904).

6 R. Luxemburg, Organisationsfragen der Russischen Revolution. In: Politische Schriften, Frankfurt am Main, 1968, Bd. III, S. 101.

7 Ibid., S. 86.

8 Ibid., S. 105.

9 Lenin, Die Aufl?sung der Duma und die Aufgaben des Proletariats (1906). In: Ausgew?hlte Werke, Bd. III, S. 371.

10 Ibid., S. 372.

11 Ibid., S. 375.

12 Lenin, Sozialismus und Anarchismus (1905). In: Ausgew?hlte Werke, Bd. III, S. 335.

13 Ders., Aus den Resolutionsentw?rfen f?r den 5. Parteitag der SDAPR. In: Ausgew?hlte Werke, Bd. III, S. 477.

14 Lenin, Die Bolschewiki m?ssen die Macht ergreifen (Sept. 1917). In: Ausgew?hlte Werke, Bd. VI, S. 216.

15 Ders., Bericht ?ber die Taktik der KPR(b) auf dem 3. Kongre? der Kommunistischen Internationale (1921). In: Ausgew?hlte Werke, Bd. IX, S. 243.

16 Ibid, S. 241.

17 Lenin, ?ber das Genossenschaftswesen. In: Ausgew?hlte Werke (1936) Bd. IX, S. 441.

18 Ders., ?ber die Naturalsteuer. In: Ausgew?hlte Werke, Bd. IX, S. 180.

19 Ibid., S. 181.

20 Lenin, Bericht auf dem 2. Allrussischen Kongre? der Abteilungen f?r Proletarische Aufkl?rung. In: Ausgew?hlte Werke, Bd. IX, S. 283.

21 Ders., Die n?chsten Aufgaben der Sowjetmacht. In: Ausgew?hlte Werke, Bd. VII, S. 348.

22 Ibid., S. 349.

23 Ausgew?hlte Werke, Bd. VII, S. 47.

24 Marx-Engels, Werke, Berlin 1962, Bd. 17, S. 342.

25 Zitiert bei Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin, Berlin 1922. S. 114-115

26 Marx an F. D. Nieuwenhuis. In: Marx-Engels, Werke, Bd. 35, S. 160.

27 Karl Korsch, Revolution?re Kommune. In: Schriften zur Sozialisierung, Frankfurt am Main, 1969, S. 107.

28 Lenin, Ausgew?hlte Werke, Bd. VII, S. 45.

29 Ausgew?hlte Werke, Bd. VII, S. 93.

30 Zitiert in Die KPD. im eigenen Spiegel, KAPD Verlag, Berlin 1926, S. 30.

31 Lenin, Wie wir die Arbeiter- und Bauerninspektion reorganisieren sollen. In: Ausgew?hlte Werke, Bd. IX, S. 413.

32 Die Russische Revolution. In: Politische Schriften, Bd. III, S. 116.

33 Ibid., S. 140.

*

* *



Es ist auch m?glich, diesen Artikel und andere Grundtexte des ?marxistischen Antilenismus" unter der Druckform zu lesen. Bitte, bestellen an der folgenden Adresse:

?a ira Verlag, Postfach 273, 7800 Freiburg 1 (Deutschland).

Paul Mattick/Anton Pannekoek, Marxistischer Anti-Leninismus, 1991, 240 Seiten. DM 25.

ISBN: 3-924627-22-3
6.6.04 22:18







Startseite
Kontakt
Archiv





links




Gratis bloggen bei
myblog.de