Die "Antiautorit?re Bewegung" und ihr Weg in die Sackgasse

Cajo Brendel - 1978



Der nachstehende Aufsatz Ist schon vor geraumer Zeit verfa??t worden, Der unmittelbare Anla?? hat damals eine Abhandlung Klaus Hartungs gebildet, welche unter dem Titel "Versuch die Krise der antiautorit?ren Bewegung wieder zur Sprache zu bringen" vor etwa einem Jahre im "Kursbuch" Nummer 48 ver?ffentlicht wurde. Die auf der Hand liegende Schlu??folgerung, es handele sich also um einen Gegenstand geringf?giger Aktualit?t w?re trotzdem falsch. Denn die Krankheit welche der antiautorit?ren Bewegung seit ihrer Geburt angehaftet und die Hartung zu diagnostizieren versucht hat, ist keineswegs nur auf sie beschr?nkt. Es handelt sich um ein ?bel, das viele Formen aufzeigt und sich immer wieder bei allerhand Gruppen, die auf eine Um?nderung der Gesellschaft abzielen, manifestiert. Teilen sie doch fast alle die Ansicht, jene gesellschaftliche Revolution sei entweder von der Verbreitung dieser oder jener "Idee", oder von der Provokation der gefestigten Ordnung zu erwarten, indem diese, gerade durch ihre Reaktion sich salbst als Unterdr?ckungsmacht entlarve.

Es wird somit ?bersehen, da?? es sich dabei um die Unterdr?ckung einer bestimmten Klasse handelt, welcher man die Tatsache ihrer Unterdr?ckung nicht klarzumachen braucht und zwar deshalb nicht, weil sie den Inhalt ihrer t?glichen Erfahrung stellt. Sie hat davon schon einen durchaus klareren Begriff als diejenigen die, trotz all ihres Gerades ?ber die Wesensz?ge der kapitalistischen Gesellschaft, bisher wenig Verst?ndnis daf?r gezeigt haben, da?? die betreffende Unterdr?ckung auf gegens?tzliche Interessen zur?ckzuf?hren ist und, da?? nur der daraus hervorgehende Interessenkampf jene Unterdr?ckung aufzuhe ben vermag. Eine bestimmte Form von Unterdr?ckung hat in der Geschichte immer angehalten bis sie von dem Kampf der Unterdr?ckten gesprengt wurde.

Gewi??, alle die wir hier meinen, h?ren nicht auf von den Arbeitern zu reden nachdem sie diese einmal "entdeckt" haben. Den Arbeitern wollen sie das Bewu??tsein beibringen, da?? die Gesellschaft umgew?lzt werden soll. Sie k?nnen entweder nicht einsehen oder nicht akzeptieren, da?? jene, die da nicht m?de werden von einer sozialen " Revolution" zu reden, die Gesellschaft nicht zu revolutionieren verm?gen, die aber welche blo?? ihre materiellen Interessen verteidigen ohne Oberhaupt eine Revolution zu beabsichtigen gerade die Gesellschaft revolutionieren.

Hieraus geht hervor, da?? die studentischen oder politischen Gruppen nicht nur den Anspruch erheben, sie seien dazu berufen, den Arbeitern die Bedeutung des Klassenkamp fes darzulegen, sondern sich dazu noch als dessen F?hrer aufwerten. Das geht darauf hinaus, da?? sie die Arbeiter zu bevormunden versuchen und sich entweder emp?ren oder sich entt?uscht abwenden, wenn die Arbeiter solch eine Bevormundung zur?ckweisen. Diese Gruppen glauben, der Klassenkampf k?nne erst "richtig" gef?hrt werden, wenn die K?mpfer sich "Einsicht" angeeignet haben. Sie fassen es nicht, da?? irgendeine Einsicht oder irgendein Bewu??tsein keine Voraussetzung, sondern eine Folge des Kampfes darstellt, eines Kampfes der sich von dem, welchen die Gruppen zu f?hren behaupten, grunds?tzlich unterscheidet.

Es geht den politischen und voluntaristischen Gruppen und Bewegungen das Verst?ndnis daf?r ab, da?? die Arbeiter von den Naseweisen des Arbeiterkampfes die Nase voll haben. Sie verstehen erst recht nicht, da?? ihr Benehmen den Interessenkampf der Arbeiterschaft hemmt und benachteiligt. Darauf hinzuweisen, den Anspr?chen dieser Art Gruppen Schran ken zu setzen, ihre Illusionen aufzudecken, das eben ist das Ziel der nachfolgenden Betrachtungen, die, glauben wir, ihre Bedeutung solange beibehalten werden, als von au??en her den Versuch unternommen wird, sich in den Klassenkampf einzumischen und die Arbeiter als politische Objekte zu manipulieren.



I.

Vor zehn Jahren etwa wurde eine Reihe moderner Industriel?nder - die USA, die BRD, Frankreich, Japan, Italien und im kleineren Ausma?? auch England, Holland und Belgien - jedesmal auf eigene Weise mit einer radikalen, von den Studenten ausgehenden und von ihnen getragenen Beilegung konfrontiert. Friedrich Mager und Ulrich Spinnarke, die hinsichtlich der Bundesrepublik und Westberlin das Ph?nomen schon fr?hzeitig zu analysieren versucht haben, sprachen damals von einer durch Unbehagen gepr?gten Str?mung, welche einer Kritik am Hochschulwesen entsprang und demn?chst in einem moralisch-engagierten Protest gegen den vorgefundenen Staat und gegen die vielfach als Konsumgesellschaft definierte soziale Ordnung m?ndete. Manger und Spinnarke charakterisierten diese Bewegung als eine radikaldemokratische Opposition, welche die autorit?ren Z?ge in der Struktur der heutigen Gesellschaft blo??zulegen versuchte, indem sie die ihr innewohnende Unruhe ausbreitete und ihre Gegens?tze exponierte. Kurz: mit einer antiautorit?ren, herausfordernden, au??erparlamentarischen Bewegung hatte man es zu tun, welche nach beiden genannten, ?brigens selbst nicht mehr der Studentenzeit angeh?renden Forschern, "einen bisher verschleierten Tatbestand aufkl?rte und demzufolge notwendig eine Ver?nderung der Gesellschaft herbeif?hrte" (1). ?hnliche Gedanken wurden auch von den Vertretern der Bewegung selbst entwickelt.

Heutzutage stellt diese ganze antiautorit?re Str?mung kaum noch etwas vor. Ihr Glanz ist ?berall gel?scht; was sie zu versprechen schien, hat sich nicht best?tigt. Mager und Spinnarke hielten es durchaus f?r m?glich, da?? bestimmte Gruppen der Bev?lkerung sich mit ihr solidarisieren w?rden. Das genaue Gegenteil hat sich ereignet. Sie ist eingeschrumpft und auseinandergerissen, einer tiefen Krise preisgegeben und v?llig in die Sackgasse geraten, oder besser: es hat sich gezeigt, da?? sie immer schon auf dem Holzweg war. Nirgendwo kann sie sich ?ber einen Erfolg freuen. Sie liegt in den letzten Z?gen, sofern sie nicht bereits gestorben ist.

Aus welchem Grund hat die antiautorit?re Bewegung Pleite gemacht? Dadurch, so antwortet Klaus Hartung im "Kursbuch" (2), da?? sie eine Bewegung von beschr?nktem Charakter war, eine Bewegung, die nicht imstande war, eine bestimmte Grenze, n?mlich die Klassengren ze, zu ?berqueren.

W?re diese ?u??erung Hartungs die Schlu??folgerung seiner Darlegung, h?tte er bei seinem Versuch die Krise der antiautorit?ren Bewegung (3) zu erklaren aufgezeigt, weshalb sie an der innerhalb der modernen Klassengesellschaft gegebenen Schranke notwendiger weis haltmachen mu??te, und h?tte er daraus die einzig m?gliche Konzequenz gezogen, wir h?tten seiner Ansicht ohne Weiteres zugestimmt. Jedoch, Hartung folgert nicht, sondern es handelt sich bei ihm um nichts weiteres als eine Behauptung, die abermals erl?utert, da?? ?bereinstimmende Thesen, zumal wenn es dabei um eine beil?ufige wie jene von Hartung geht, nicht mit ?bereinstimmenden Standpunkten zu verwechseln sind.

Wir vertreten den Standpunkt, da?? was Mager und Spinnarke sehr richtig als eine radikal demokratische Opposition umschrieben haben, deshalb nicht zu einer gesellschaftlichen, die herrschende Ordnung umw?lzenden Kraft werden konnte, weil diese Opposition keine materiellen Interessen vertritt, die so ausgepr?gt waren, da?? sie sich den materiellen Interessen widersetzen k?nnten, die der herrschenden Ordnung und deren Ideologie zugrunde liegen. Eine Opposition, die nicht auf materielle Interessen fu??t, kann nie zu einer materiellen Macht werden und verliert fr?her oder sp?ter als Opposition ihre Bedeutung. Auch dann wenn sie sich aus "denkenden Menschen, die sich der bestehenden Gesellschaft gegen?ber, kritisch verhalten" zusammensetzt, so ?ndert das nichts an ihre gesellschaftlichen Hilflosigkeit. Weder ihre ehrliche Entr?stung, zum Beispiel ?ber das, was sie als die "Ausw?chse" der "Konsumgesellschaft" betrachten, noch die Aufrichtigkeit ihrer Proteste gegen Nebenerscheinungen wie Polizeiwillk?r, Umweltverschmutzung, Atomkraftwerke oder Bewaffnung, braucht man anzuzweifeln. Dennoch m?ssen derartig Proteste ohne Wirkung bleiben, solange die Protestierenden sich nicht auf latente Macht st?tzen k?nnen, wor?ber aber nun die arbeitende Klasse verfugt ,da das gesamte gesellschaftliche Geb?ude auf der produktiven Arbeit beruht. Nur die Klasse der Industriearbeiter kann eine gesellschaftliche Um?nderung zustande bringen. Die einzig m?gliche Revolution welche den Kapitalismus st?rzen kann, ist die proletarische. Der Glaube an eine andere Art Umw?lzung ist eine Illusion.

Wodurch die antiautorit?re Bewegung sich von Anfang an gekennzeichnet hat, ist nicht die Abneigung gegen eine proletarische Revolution, wie man sie selbstverst?ndlich in den Kreisen der eigentlichen Bourgeoisie vorfindet, sondern die Geringsch?tzung ihrer M?glichkeiten. Das Industrieproletariat, so ihre Meinung, weise eine immer geringere Zahl auf und h?tte nur noch eine schwindende Bedeutung. Dazu w?re es eine apathische Masse von der ein revolution?rer Widerstand gegen die kapitalistischen Verh?ltnisse nicht oder nicht mehr zu erwarten sei.

Der vorherrschende Mythos der schwindenden gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeiterklasse aber ist nur eine der vielen Erscheinungsformen b?rgerlicher Ideologie. Infolge der Konzentration das Kapitals und dem Verschwinden des sogenannten Mittelstandes gibt es heute mehr Proletarier als je zuvor. Wie richtig es auch sein mag, da?? jetzt mehr Arbeiter im nichtproduktiven, keinen Mehrwert erzeugenden Dienstleistungsbereich wirksam sind, ihre Stellung gegen?ber dem Kapital ist dadurch unver?ndert. Auch sie verf?gen, mangels Kontrolle ?ber die Produktionsmittel, nicht ?ber die eigene Existenz. Als Paul Mattick vor etwa zehn Jahren in seiner "Kritik an Herbert Marcuse" darauf hinwies, f?gte er hinzu, da?? "Lohnarbeiter Proletarier sind, welche T?tigkeiten sie auch immer aus?ben" (4). Sie unterliegen, die herrschende Klasse trifft die Entscheidungen, welche das Leben aller anderen in jeder Hinsicht bestimmen.

Das alles bedeutet, da?? trotz einer Verschiebung von produktiver nach unproduktiver Arbeit die latente Macht der arbeitenden Klasse gewachsen ist. Die Entwicklung der modernen Technik hat die Gesellschaft v?llig von einem ununterbrochenen Produktionsvor lauf abh?ngig gemacht. Eine ungest?rte Funktion der Dienstleistungen ist daf?r eine der unentbehrlichen Bedingungen. Das erkl?rt, weshalb trotz des Geschw?tzes von der verringerten Bedeutung der Arbeiterklasse, Parsonalvorst?nde, Soziologen und Psychologen, Wohlfartspfleger und Betriebs?rtze, Historiker und Volkswirtschaftler, Juristen und Organisationsberater ihr mehr Aufmerksamkeit widmen, als in der Vergangenheit.

Was die vermeinte Apathie betrifft: da?? dieselben Arbeiter, die unter bestimmten Umst?nden gleichg?ltig scheinen, unter anderen Umst?nden zu rebellieren anfangen, ist ohne Zweifel ganz richtig aber nicht das wichtigste, was in diesem Zusammenhang zu bemerken ist. Der Vorwurf, die Arbeiter seien nicht mehr imstande oder nicht mehr dazu geneigt "revolution?ren Widerstand" zu leisten, geht an der Tatsache vorbei, da?? die Arbeiter nie k?mpfen oder gek?mpft haben, um eine Um?nderung der Gesellschaft herbeizuf?hren, sondern nur um entweder ihre proletarische Lage zu verbessern oder deren Verschlechterung vorzubeugen. Womit man es bei diesem ungerechten Vorwurf zu tun hat ist ein doppelter Irrtum, ein Irrtum in Bezug auf das, was die Arbeiterklasse ist und ein Irrtum in Bezug auf das, was sie demzufolge zu tun gezwungen sein wird.

Der Kampf der Arbeiter - wof?r diejenigen, die sich da irren, ?brigens kaum einen Blick haben - ist zwar der Motor aller gesellschaftlichen Entwicklung, aber es w?re falsch, die objektive Folge des proletarischen Verhaltens als sein subjektives Ziel hinzustellen. Kritiker welche der Arbeiterklasse "Apathie" vorwerfen unterschieben ihr faktisch eine Gleichg?ltigkeit f?r etwas, das sie nie angestrebt hat um nachher festzustellen, da?? sie infolge ihrer "Verb?rgerlichung" darauf verzichtet habe. Von dieser sogenannten Verb?rgerlichung der Proletarierklasse ist aber schon deshalb keine Rede weil, die Arbeiterschaft, auch wenn die L?hne steigen und das Arbeitsklima sich bessert, doch immer die Negation der b?rgerlichen Gesellschaft bildet, und ihr angeblicher "?berflu??" nichts ist im Vergleich zu dem "?berflu??" der anderen Klassen, woneben er sich stetig als relativer Mangel abzeichnet. Unter kapitalistischen Verh?ltnissen, gleichviel ob sie durch Privatbesitz oder durch Staatseigen tum gepr?gt werden, existieren die Herrschenden auf Kosten des Proletariats. Aus diesem Grunde vergegenw?rtigt jede proletarische Aktion, wie unbedeutend sie immer scheinen k?nnte, eine wesentliche Bedrohung der gefestigten Ordnung, welche andrerseits gar nicht in Frage gestellt wird von irgendeinem Benehmen, das aus der Idee, es gelte diese Ordnung zu st?rzen, hervorgeht, eine Idee die nicht in proletarischen Bestimmungen wurzelt. Die Klassentrennung der kapitalistischen Gesellschaft, ist gleichzeitig die Trennung zwischen denjenigen die Revolution machen wollen, ohne es zu k?nnen, und denjenigen welche die gesellschaftlichen Verh?ltnisse revolutionieren, ohne es zu sollen.



II.

Was immer Klaus Hartung mit seiner Bemerkung, "die Grenze antiautorit?rer Militanz war eine Klassengrenze", auch gemeint haben soll, jedenfalls nicht, da?? die antiautorit?re Bewegung, zwar begeistert von der antib?rgerlichen Idee der sozialen Umw?lzung, jedoch nicht auf dem Fundament antib?rgerlicher Interessen gewachsen, zu einer Machtlosigkeit verdammt war, die ihr Mi??lingen unumg?nglich machte. Da?? sie an der Klassengrenze haltmachte - f?r ihn, anders als f?r uns, keine logische Folge ihrer wesentlichen Z?ge -, betrachtet er daher nicht als eine Unvermeidlichkeit, sondern als einen der von ihr begangenen Fehler. Er gesteht offen ihren Mi??erfolg, doch er stellt ihn gleich mit einer politischen Niederlage oder mit einer verlorenen Schlacht. Er spricht davon, als handele es sich um einen Mi??erfolg bis jetzt und er schlie??t seine Auseinandersetzung mit der vertrauensseligen, denn unbegr?ndeten Versicherung, die antiautorit?re Bewegung werde trotzdem siegen.

F?r eine solche Vertrauensseligkeit gibt es in unserer Anschauung keinen Platz. Wir sehen keinen Ausweg aus der Sackgasse, in welcher die als "neue Opposition" begr???te, au??erparlamentarische und antiautorit?re Bewegung sich befindet und sich nach unserer Meinung immer schon befunden hat. Nicht infolge ihrer sogenannten Fehler ist sie in diese Sackgasse geraten, sie wurde dort geboren. Die Keime der Zersetzung hat sie seitdem mit sich herumgetragen. Ihr endg?ltiger Untergang ist das unerbittliche Schicksal, dem sie nicht entrinnen konnte. Was Hartung und anderen als Fehler, da?? hei??t als vermeidbare Dinge, betrachten, das sind nur ebensoviele Merkmale ihrer wirklichen Position. Wenn man davon tats?chlich schon lernen kann, dann nicht was die Bewegung h?tte tun sollen oder k?nftig unterlassen soll, sondern was sie ist.

Die antiautorit?re Bewegung nun ist das was sie von Anfang an war: eine Protestbewegung jungar Leute aus b?rgerlichen und kleinb?rgerlichen Verh?ltnissen, die sich zwar gegen die b?rgerliche Wirklichkeit auflehnten - und deshalb zu Unrecht f?r antib?rgerlich gehalten wurden - aber keineswegs dar?ber hinausgingen. Sie ?berholten die b?rgerlichen Verh?ltnis se nicht, es war ihnen faktisch darum zu tun, zu deren Anfang zur?ckzukehren. Sie waren sich allerdings dessen nicht bewu??t und konnten sich das betreffende Bewu??tsein kaum aneignen, weil ihre "sozialistische" Ideologie sie daran hinderte. Indem sie, und nicht von ungef?hr, Voluntaristen, das hei??t politische Idealisten waren, unterhielten sie ein bestimmtes Zukunftsbild. Was sie aber f?r die Zukunft ansahen, war in Wirklichkeit die in die Zukunft projizerte Vergangenheit. Bernd Rabehl, einer der sich angestrengt hat, aus dieser "neuen Opposition" eine, wie er es nannte, "sozialistische Opposition" zu machen, hat bemerkt, da?? "der Protest der Studenten gegen die Entwicklung der formierten Gesellschaft zun?chst eine moralische Emp?rung war, die das Postulat der Demokratie gegen deren tats?chliche Entwirklichung in der Bundesrepublik kehrte" (5). Das bedeutet soviel, als da?? sie den erstarrten Formen der parlamentarischen Demokratie mit ihrem b?rokratischen Machtapparat das Ideal einer echten und unmittelbaren Demokratie gegen?berstellten. Wir halten, ohne uns mit Rabehl zu identifizieren, die Charakteristik f?r richtig und m?chten hinzuf?gen, da?? hierbei die Ideale der jakobinischen Demokratie anstelle der heutigen demokratischen Wirklichkeit gesetzt wurden. An die Arbeiterdemokratie wurde einstweilen nicht gedacht. "Das Proletariat", erkl?rt Klaus Hartung, "war uns zun?chst gleichg?ltig"!

Anschlie??end schreibt Hartung, da?? "nichts falscher w?re, als gerade darin die (klein)b?rgerliche Herkunft der Studentenrevolte nachweisen zu wollen". Die Bemerkung trifft nicht auf uns zu. Wir leiten den kleinb?rgerlichen Charakter der "neuen Opposition" nicht her von ihrer Gleichg?ltigkeit hinsichtlich der Arbeiterklasse, sondern wir erkl?ren umgekehrt diese Gleichg?ltigkeit aus ihrem kleinb?rgerlichen Charakter. Wenn Hartung behauptet, das Proletariat wurde ignoriert, weil es sich nicht r?hrte und "zum geschichtslosen Produzenten des Mehrwerts geworden war", ohne an seinen Ketten zu zerren, so hat man es, im Gegensatz zu dem was er als seine Meinung ?u??ert, nicht mit "einer richtigen geschichtlichen Wahrnehmung" zu tun, sondern mit einem geradezu kleinb?rgerlichen Zerrbild. Dessen Kleinb?rgerlichkeit wird dadurch noch unterstrichen, da?? Hartung hinzuf?gt, die neue Opposition glaubte nicht "da?? der Arbeiter, wenn er der Spur seiner materiellen Interessen folgt, schon auf den revolution?ren Weg sto??en wird" und, da?? sie sich eine revolution?re Entwicklung nur vorstellen konnte als "der Ausbruch aus seiner Situation", als "der ?bertritt in das antiautorit?re Lager".

Hier findet man genau alle Grundz?ge des modernen Jakobinertums wieder: die Varkennung der wirklichen proletarischen Lage, die gro??artige Untersch?tzung des Interessen kampfes und die ebenso gro??artige ?bersch?tzung der (revolution?ren) Idee. Keine Spur von der Erkenntnis, da?? Ideen sich in der Geschichte immer nur blamiert haben, daf?r aber das Mi??verst?ndnis, die Arbeiter k?nnten nur "auf den revolution?ren Weg sto??en", falls sie sich unter die Fahne einer von radikalen Ideen erf?llte Bewegung stellen w?rden, einer Bewegung also die sich selbst als revolution?re Vorhut deutet.



III.

Die "neue Opposition" - sie mag den Anspruch recht weniger klar erheben als die verschiedenen bolschewistischen Gruppen und Parteien -, betrachtet sich tats?chlich als revolution?re Vorhut. Das wird auch von Klaus Hartung festgestellt. Er spricht in diesem Zusammenhang von der "historischen Krankheit der Studentenbewegung". Wo er den Versuch unternimmt die Ursache dieser Krankheit aufzudecken, da meint er, sie w?re aus einer Entt?uschung ?ber das, was er, mit charakteristischer jakobinischen Wortwahl, "das Volk" nennt, zu erkl?ren. Er geht jedoch nicht so weit, da?? er die Entt?uschung selbst analysiert; er versteht sie nicht als einen Konflikt zwischen der jakobinischen Theorie und der gesellschaftlichen Praxis.

So einen Konflikt gibt es bei jeder Avantgarde, ob sie sich als Partei konstituiert hat oder nicht. Das ist Hartung insofern nicht entgangen, als er seine Kritik insbesondere auf diese Organisationsform verlegt. Er hat erkannt da?? die Partei, das hei??t jede Partei, ihre Theorie oder ihre Wahrheit als die Wahrheit hinstellt; er hat gleichfalls erkannt, da?? eine Partei ihren Mitgliedern die Sicht auf die, immer komplizierte, Wirklichkeit benimmt. Aber er schweigt dar?ber, da??, wo immer die Kenntnis der Wirklichkeit beschr?nkt ist, diese oder jene besondere Wahrheit als die allgemeine Wahrheit hingenommen wird und somit ein geistiges Klima geschaffen wird, das f?r die Partei einen g?nstigen N?hrboden bildet.

Um konkret zu werden: sobald die radikale jakobinische Wahrheit bez?glich der Unterdr?ckung des "Volkes" bei gro??en Teilen davon, das hei??t bei der Arbeiterklasse, keinen Widerhall findet, da wird das nicht der Tatsache zugeschrieben, da?? die proletarische Realit?t und der Arbeiterkampf etwas ganz anderes sind, als als die jakobinische Studentenopposition glaubt, sondern es wird den Arbeitern fehlendes Bewu??tsein und demn?chst einen Mangel an revolution?rem Willen vorgeworfen. Der Avantgarde oder der Partei wird alsdann die Aufgabe zugeteilt, die Arbeiter bewu??t zu machen. Ihren "Mangel an einem revolution?ren Willen" soll durch den revolution?ren Willen einer sogenannten Vorhut kompensiert oder sogar ersetzt morden.

So stark ist diese Tendenz, so kr?ftig setzt diese Entwicklung sich jeweils durch, da?? die gelegentlich d?mmernde Ahnung, es komme doch weniger auf den revolution?ren Willen als auf die soziale Eigengesetzlichkeit, die reellen Widerspr?che und die wirklichen K?mpfe an, sie kaum abzuschw?chen vermag. Der ehemalige Studentenf?hrer Rudi Dutschke zum Beispiel hat mal an jene Kritik erinnert (6), welche Marx an der Fraktion Willich-Schapper im einstigen Bunde der Kommunisten ge?bt hat, n?mlich da?? sie "an die Stelle der kritischen Anschauung eine dogmatische setze, an die Stelle der materialistischen eine idealistische" und, da?? "ihr der blo??e Wille zum Triebrad der Revolution" werde (7). An der betreffenden Stelle er?rtert Marx, da?? die Arbeiter "15, 20, 50 Jahre B?rgerkriege und Volkskriege durchzumachen haben, nicht nur um die Verh?ltnisse zu ?ndern, sondern um sich selbst zu ?ndern". Dutschke aber versteht die ?nderung um die es hier geht trotzdem nicht sosehr als Selbst?nderung, jedoch vielmehr als eine die von au??en her zustande gebracht werden soll. Das ergibt sich daraus, da?? er den Klassenkampf nicht als einen sozialen, sondern als einen politischen Kampf versteht, den nicht die Arbeiter selbst, sondern die sogenannten Arbeiterparteien zu f?hren haben (8). Nach Dutschke w?re dieser "politische Klassenkampf" mit einem "bewu??ten Klassenkampf" identisch. Dar?ber hinaus behauptet er, da?? "nur im bewu??ten Klassenkampf das... Selbstbewu??tsein des Proletariats" entstehe, das er sp?terhin als "revolution?res Klassenbewu??tsein" definiert (9).

Buchst?blich hei??t das nichts geringeres als, da?? in einem bereits b e w u ?? t gef?hrten Kampfe abermals ein bestimmtes Bewu??tsein erweckt w?rde. Was f?r eins schon?,k?nnte man da fragen. Die einzig vern?nftige Antwort kann nur diese sein, da?? hier das proletarische Bewu??tsein der ?ffentlichen Wirkung einer politischen Avantgarde zugeschrieben, also als ein politisches Bewu??tsein verstanden wird. Das ist tats?chlich exakt die Auffassung der neuen Opposition, welche - wie es auch Mager und Spinnarka getan haben - es von Anfang an f?r m?glich gehalten hat, da?? ihre Aktion andere Teile der Gesellschaft zur Erkenntnis bringe und somit zum Handeln veranlasse. Es wird damit v?llig verkannt, da?? man sich nie etwas anderem als der materiellen Wirklichkeit bewu??t werden kann und, da?? die Wirklichkeit der Studenten grundverschieden ist von jener der industriellen Arbeiterschaft, da?? die erstere den politischen Verstand erzeugt, die letztere aber den sozialen Instinkt, der sich zwar anfangs noch vom politischen Verstand bel?gen l???t, nicht aber, wenn ein gewisser Entwicklungsgrad erreicht worden ist (10). Daraus erkl?rt sich das, was Hartung ohne Zur?ckhaltung als die Ablehnung der von den Studenten herangetragenen "Wahrheit" beschrieben hat, ein Verhalten ihnen gegen?ber, f?r welches eben von Arbeitern verwendete Wort wie "Euch m???te man mal ..." charakteristisch sind.

Die Studenten, die nicht am Produktionsproze?? teilnehmen, befinden sich der Gesellschaft gegen?ber in einer besonderen Situation. Insofern manche von ihnen anerkennen, da?? die ?nderung der Umst?nde und die menschliche T?tigkeit oder Salbstver?nderung zusammen fallen und nur als revolution?re Praxis gefa??t werden k?nnen, handelt es sich bei ihnen um eine spezifische Anerkennung, die sich aus dieser, ihrer Situation erkl?rt. Mit "revolution?rer Praxis" meinen sie, statt jener der t?tigen Produzenten, die Praxis der Revolution?re f?r die es, wie immer f?r Leute die sich als "Heerf?hrer" betrachten, in erster Linie auf eine Strategie ankommt (11). Falls so ein faustischer Revoluzzer einem, der t?glich am Flie?? band steht, zu erkennen gibt: "Gesch?ftiger Geist, wie nah f?hl\' ich mich dir", kann der Angeredete mit Maphistopheles erwidern: "Du gleichst dem Geist den du begreifst, nicht mir!"



IV.

Der lebensgro??e Unterschied zwischen der Wirklichkeit der Studenten und jener der Arbeiter, wie auch dessen Folgen f?r das respektive Bewu??tsein kann man eindeutig erl?utern anhand das Verh?ltnisses der neuen Opposition zum Staatsapparat das - hier sind wir mit Hartung einverstanden - in der Geschichte der antiautorit?ren Bewegung eine zentrale Rolle gespielt hat. Die Tatsache ist leicht zu verstehen. Wenn die Studenten zu rebellieren anfangen, streben sie eine Hochschulreform an, damit sie nicht l?nger von professoralen Fachidioten zu Fachidioten ausgebildet werden (12). Sie wollen die Chance haben, sich "als Staatsb?rger" zu entwickeln mittels politischer Information, politischer Meinungs?u??erung und politischer Diskussion. Sie verlangen eine Demokratisierung der Universit?t. Diese hat jedoch nicht nur eine sehr bestimmte, jenem Verlangen wenig entgegenkommende Funktion innerhalb der b?rgerlichen Gesellschaft, sie ist zugleich eine Anstalt der Obrigkeit. Hinter dem akademischen Senat, hinter dem Rektor und hinter allen universitaren Instituten stehen das b?rgerliche Gesetz und die b?rgerlichen Beh?rden mit ihrem Machtapparat. Der Konflikt zwischen Studenten und Universit?t ist somit ein politischer Konflikt, weil es sich dabei um politische Freiheiten handelt, in erster Instanz um das Recht, Sondermeinungen zu ?u??ern ?ber politische Fragen ?ber zum Beispiel den Vietnamkrieg. Da?? gerade hinsichtlich des Vietnamkrieges moralische Gef?hle stark mitgespielt haben, ?ndert den politischen Charakter der Sache nicht im geringsten.

Im Gegensatz nun zu den Arbeitern, die bei ihrem sozialen Widerstand an erster Stelle mit dem Unternehmertum, mit Betriebsverwaltungen, m?glicherweise auch mit der Gewerkschaftsb?rokratie konfrontiert werden und erst indirekt, in einer sp?teren Phase die Macht mittel der Obrigkeit zu sp?ren bekommen, haben es die rebellierenden Studenten bei ihrem politischen Widerstand sofort mit der Obrigkeitsgewalt zu tun. Das ist der Fall innerhalb der Universit?t, wenn die Polizei den Befehl bekommt, eins der Universit?tsgeb?ude auszur?umen, wie in Berlin am 19, April 1967. Es ist genau so au??erhalb der Universit?t, das hei??t auf der Stra??e wohin der Streit auch dadurch je langer je mehr verlegt wird, da?? vom 16. Februar 1966 an innerhalb der Universit?t keine politischen Zusammenk?nfte oder Veranstaltungen mehr abgehalten werden d?rfen. Somit wird der Zusammensto?? der neuen Opposition mit der Obrigkeit von fr?h an einen Zusammensto?? im buchst?blichen Sinne. Immer und immer wieder treffen die Studenten auf die bewaffnete Macht.

F?r die Arbeiter ist der Klassengegensatz zum Unternehmertum die t?gliche und vorherrschende Lebenserfahrung; f?r die Studenten aber ist es die Polizeigewalt. Nicht im Produktionsbereich begegnen sie der b?rgerlichen Gesellschaft und dem b?rgerlichen Staat, sondern auf der Stra??e, das hei??t gerade dort wo der b?rgerliche Staat ihnen gegen?ber das strategische ?bergewicht besitzt. ?ber Hartungs Bemerkung, da?? die antiautorit?re Bewegung nicht auf der Stra??e geschlagen worden ist, kann man andrer Meinung sein. Unbestreitbar aber ist es, da?? sie dort keineswegs gesiegt hat. Daher auch weist Hartung zwei Seiten weiter darauf hin, da?? die Studenten einen Begriff vom Staatsapparat im Kopf haben, "der so umfassend und total ist, da?? sich gegen ihr nichts machen l???t". Daraus wird dann allerdings von den Studenten gefolgert, es k?me darauf an, ihn "endg?ltig zu zerschlagen". Das aber ist eine reine Phrase; was da vorhergeht ist genau die theoretische Abspiegelung von dem was die Studenten in ihrer Praxis erfahren haben.

Die Arbeiter machen eine ganz andere Erfahrung, wenn da zum Beispiel im Fr?hling 1969 in der bundesdeutschen Industrie ganz spontan "wilde" Streiks losgehen und die BRD von einer Streikwelle getroffen wird welche schlie??lich in den Septembertagen ihren H?hepunkt erreicht, so ist nicht blo?? das Unternehmertum, nicht blo?? die Gewerkschaftsbewegung, sondern die ganze offizielle Gesellschaft einschlie??lich des Staatsapparats ihr gegen?ber v?llig hilflos.

F?r die antiautorit?re Bewegung kamen, schreibt Hartung, die Septemberstreiks als ein Schock. Sie war, f?gt er hinzu, "auf die spontanen K?mpfe des Proletariats nicht vorbereitet." Sie war es tats?chlich nicht, trotz ihrer anf?nglichen Erwartung, die Universit?tsrevolte k?nnte auf andere gesellschaftliche Bereiche und Klassen ?bertragen werden. Bernd Rabehl nannte etwa ein Jahr vor dem Ausbruch der Streikbewegung von 1969 den Gedanken an solch eine ?bertragung "leichtfertig", "den Ausdruck einer \'ungest?men\' Logik" (mehr ungest?m als logisch soll er wohl gemeint haben) und er charakterisierte ihn als ein "Wunschdenken" (13). Die Ereignisse vom "Herbst 1969 - und sp?tere die eine Wiederholung derartigen spontanen Streikbewegungen verzeichneten - haben keineswegs den Nachweis gebracht da?? Rabehl sich damals irrte. Denn die Septemberstreiks sind etwas ganz anderes als eine ?bertragung der Studentenbewegung auf die Arbeiterklasse; sie bedeuten durchaus nicht, da?? die Arbeiter sich unter die Fahne der neuen Opposition stellen. Die wesentliche Bedeutung dieser Streikwelle - das Vorgehen von unten auf, das Fehlen einer traditionellen Streikf?hrung seitens der Gewerkschaften (14) und viele andere Einzelheiten weisen es nach - ist diese, da?? die Arbeiter selbst handelnd auf der Bildfl?che erscheinen. Im September 1969 zeigen die Arbeiter nicht, da?? sie die Studenten als ihre Vorhut akzeptieren, sie liefern im Gegenteil den Beweis, da?? sie keine solche Vorhut brauchen.

Die Septemberstreiks von 1969 liegen als soziale Bewegung nicht auf der gleichen L?nge nachse wie die politische Studentenbewegung, sie stehen damit in geradem Widerspruch. Der Gedanke, die antiautorit?re Bewegung solle als eine Avantgarde der Arbeiterklasse funktionieren, sie verk?rpere "den revolution?ren Willen", sie sei dazu berufen, dem Proletariat bewu??t zu machen, da?? es gegen die bestehenden Verh?ltnisse zu k?mpfen habe, ist w?hrend der Septemberstreiks abermals als ein Mythos entlarvt worden, und zwar nicht mittels theoretischer Argumente, sondern vom Klassenauftritt der Arbeiter, der unmittelbar aus ihrer Situation hervorging, Also: die studentische Ideologie entspricht nicht der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Der Untergang der neuen Opposition findet eben darin seinen Grund.



V.

Hartung, wir haben schon darauf hingewiesen, spricht nicht vom Untergang der antiautorit?ren Bewegung. Er tr?umt noch immer von ihrem k?nftigen Sieg. Dennoch hat er einen Blick f?r ihre Mi??erfolge, aber er sucht deren Ursache nicht dort wo er sie nach unsrer Meinung suchen sollte. Deswegen fa??t er sie als Mi??erfolge, welche die antiautorit?re Beilegung ?berwinden k?nnte.

Was er zum Beispiel die \'\'Dogmatisierung" der neuen Opposition nennt, die Tatsache, da?? sie unter Hochdruck seitens der wie Pilze emporgewachsenen bolschewistischen Gruppen ger?t und dadurch zu einer bestimmten politischen Linie gezwungen w?re, verstehen wir ganz anders als er. Infolge des politischen und jakobinischen Charakters der neuen Opposition, den wir schon kennengelernt haben - und der sie weniger "neu" macht als sie wohl scheinen mag - haben bolschewistische Theorien f?r sie eine unwiderstehliche Anziehungs kraft. Denn der Bolschewismus ist nun einmal die konsequenteste Form des modernen Jakobinertums in der heutigen Gesellschaft. Nicht der Dogmatismus hat die Realit?t beiseite ger?umt, wie es Hartung behauptet, sondern die reelle Gestalt der antiautorit?ren Bewegung macht sie zu einer leichten Beute des bolschewistischen Dogmas. Nicht die bolschewistischen Gruppen zwingen die antiautorit?re Bewegung auf eine politische Linie. Deshalb weil die neue Opposition naturgem??? eine politische Linie verfolgt, wird sie gleichsam von selbst zum Bolschewismus (15) gedr?ngt.

Dar?ber zu streiten, ob damit ein k?nstlicher Nebel ringsum die politische Wirklichkeit erzeugt wird - wie Hartung behauptet - oder schon an einem fr?heren Zeitpunkt, hat kaum einen Zweck. Es kommt nicht sosehr darauf an wann, sondern darauf weshalb die politische Wirklichkeit sich vermischt und sie vermischt sich weil die neue jakobinische Opposition immer schon der gesellschaftlichen Wirklichkeit den R?cken zugekehrt hat. Nach Hartung hat sie "die B?hne der Klassengesellschaft gebaut" auf der ihre Angeh?rigen sich bis jetzt "um die richtigen Kulissen streiten". Das Bild trifft zu unter der Bedingung, da?? dabei besonders betont wird, da?? es sich um eine B?hne handelt auf der eine bestimmte Auffassung der Klassengesellschaft in jeweiliger Regie dargestellt wird. Auf diese Darstel lung, nicht auf die soziale Realit?t, richtet die neue Opposition das Auge. Aber weder die lebensechteste Kulisse, noch selbst das fundierteste Kost?m k?nnen etwas daran ?ndern, da?? solch eine Darstellung mit der wirklichen Klassengesellschaft und mit dem wirklichen Klassenkampf nicht identisch ist. Nachdem man sich vorher einem Wunschtraum hingege ben hat, vergafft man sich in einer Wunschuorstellung, in einer Illusion. Hartung mag daran nicht glauben, das Ende solcher Illusionen ist immer die Katastrophe!

Da?? und wie der Bolschewismus immer kr?ftiger in die antiautorit?re Bewegung durchst???t, das geht sonnenklar aus Hartungs Schilderung hervor. In dieser Hinsicht ist sie besonders eindringlich. An gewisser Stelle spricht er von dem Bestreben der neuen Opposition, sich auf der Basis von "Was tun?", das hei??t den leninistischen Prinzipien gem???, zu organisieren. An andrer Stelle ist die Rede von dem von uns auch bei Rabehl verzeichneten Versuch einer "Transformation der antiautorit?ren Beilegung in eine proletarische Bewegung". Hartung bringt dazu ein Zitat in dem es sogar hei??t "der studentische Kampf" (Hervorhebung von mir - C.B,) sei "in einen proletarischen Kampf transformierbar" (16). Wo er auf die durch den Versuch ausgel?ste Diskussion eingeht, betrachtet er sie als "die Wende der Bewegung". Sie kommt in eine Stromschnelle. Kaum ein halbes Jahr sp?ter ist der Spaltpilz an der Arbeit. Die Einheit der neuen Opposition geh?rt der Vergangenheit an. Aber, so immer noch Hartung, die Studenten sch?tzen das f?r Nichts "weil es das Proletariat zu organisieren galt".

Hartung nennt das "eine Selbstt?uschung", eine Qualifikation wogegen wir nichts einzuwenden haben. Er beschreibt diesen Gang der Ereignisse auch so, da?? die Studenten anfangen "f?r andere, f?r den Arbeiter Politik zu entwerfen". Wieder anderswo stellt er fest, da?? "die radikale Bewegung sich in eine militante Minderheit verwandelt", Aber es gelingt ihm nach unserer ?berzeugung nicht, die Ursachen von alledem aufzudecken; er fa??t die von ihm geschilderte Entwicklung nicht als eins nat?rliche Entwicklung. Wenn er sich schon kritisch ?ber die Nachahmung der leninistischen Organisationsform ?u??ert, dann nur, weil "Lenin die Organisationsprinzipien von ??Was tun?\' unter der historischen Bedingung der Allmacht der russischen Geheimpolizei entwickelt" habe, also innerhalb einer Situation die es in Deutschland nicht gibt. Bei Hartung findet man nicht die geringste Spur jener anderen, doch schon l?ngst bekannten Anschauung, da?? die jakobinische Auffassung der Revolution, nach welcher das Proletariat nicht salbst das erforderliche "revolution?re Bewu??tsein" erwerben kann (17), f?r Lenin entscheidend gewesen ist. Dadurch, da?? Hartung im jakobinischen Milieu gebildet worden und mit der jakabinischen Ideologie politisch aufgewachsen ist, legt er den Finger nicht auf die eigentliche Wunde, nicht auf Lenins Jakobinismus. Es leuchtet ihm nicht ein, da?? gerade dieser Jakobinismus der verh?ngnisvolle Stern ist, unter dem die neue Opposition auf die Welt gekommen ist.

Tats?chlich: die Anschauung, den Arbeitern sollte man von au??en her Bewu??tsein beibringen, sie k?nnten - um die Worte Hartungs zu wiederholen - nicht von sich aus "auf den revolution?ren Weg sto??en", haben wir schon als ein Merkmal auch der fr?hen antiautorit?ren Bewegung zu unterscheiden gelernt. Wenn Hartung darauf etwas n?her eingeht bemerkt er, das Proletariat profitiere "mittelbar von der Ausbeutung der Dritten Welt". Das ist eine Ansicht die v?llig ?bergeht, auf welche Weise im Kapitalismus ?konomische Kategorien wie Lohn, Preis und Profit ?berhaupt zustande kommen, und die faktisch nichts anderes ist, als die auch von Lenin verk?ndete Theorie der sogenannten "Arbeiteraristokratie".

Der Zusammenhang dieser Theorie mit dem Jakobinertum der Bolschewiki kann ebensowe nig verneint werden, wie der Zusammenhang der jakobinischen Auffassungen mit dem der neuen Opposition anhaftenden Voluntarismus. Hier?ber ?u??ert sich Hartung besonders unbestimmt. Bald scheint er dessen Vorhandensein zuzugeben, bald scheint er sich von einer Kritik daran zu distanzieren, zum Beispiel wenn er erw?hnt, da?? einer wie J?rgen Habermas den Studenten ihre voluntaristische Ideologie vorgeworfen hat. Jedoch, das Jakobinertum der Studentenbewegung, ihr von Haus aus politischer Charakter und ihr Voluntarismus, das hei??t die Bedeutung, welche sie dem "revolution?ren Willen" zusch reibt, bilden ein unzertrennbares Ganzes, das sich aus ihrer Distanz von der Arbeiterklasse ergibt. Von dieser Distanz bringt Hartung treffende Beispiele ohne daran die nach unserer Meinung unentrinnbare Schlu??folgerungen zu verbinden. Er betrachtet die Klassengrenze, vor welcher die Studenten stehengeblieben sind als eine Kluft, die sie nach seiner Meinung h?tten ?berbr?cken sollen, nicht als ein Hindernis, woran sie zerschellt sind.

Nicht weil als antiautorit?r oder nicht antiautorit?r genug war ist die neue Opposition zugrunde gegangen, sondern weil sie glaubte, sie m?sse die Arbeiter bevormunden. Aber die Arbeiter brauchen keine Bevormundung und sie lassen sich nicht l?nger bevormunden. Die antiautorit?re Bewegung hat es erfahren. Zu ihrem Verh?ngnis.



Noten:

1. Mager und Spinnarke, "Was wollen die Studenten?", Frankfurt am Main/ Hamburg 1967, S. 152/153.

2. Kursbuch 48: Klaus Hartung, "Versuch, die Krise der antiautorit?ren Bewegung wieder zur Sprache zu bringen", weiterhin abgek?rzt als Hartung.

3. Bequemlichkeitshalber sprechen wir von der antiautorit?ren Beilegung. Wir sind uns bewu??t, da?? diese sich in mancherlei Formen darbietet und, da?? es sich nicht um eine Bewegung handelt, die sich als solche konstatiert hat. Es gibt in der Gesellschaft eins Menge Erscheinungen die alle antiautorit?re Tendenzen aufweisen. Bald gehen sie in einander ?ber, bald treten sie scharf getrennt auf und wie das mit den meisten sozialen Erscheinungen oder Bewegungen der Fall, ist, ihr Anfang kann des ?fteren nur schwer festgestellt werden. Zu der antiautorit?ren Bewegung k?nnte man auch den autonomen Arbeitskampf rechnen, weil er die b?rgerlichen Machtverh?ltnisse in Frage stellt. Wir tun das hier nachdr?cklich nicht. Wo in diesem Aufsatz von der antiautorit?ren Bewegung die Rede ist, verstehen wirdarunter jene Bewegung, die sich zwar gegen die existierende Ordnung richtet, dabei aber nicht ?ber die Grenzen der b?rgerlichen Gesellschaft hinwegschreitet, sogar dann nicht wenn sie selbst vom Gegenteil ?berzeugt ist. Weil es sich bei alledem im Allgemeinen um Bewegungen oder Kundgebungen junger Intellektuelle handelt, steht im Mittulpunkt unserer Betrachtungen das, was man gew?hnlich die Studentenbewegung nennt.

4. Paul Mattick, "Kritik an Herbert Marcuse", Frankfurt am Main 1969, S. 60.

5. Bernd Rabehl, "Von der antiautorit?ren Bewegung zur sozialistischen Opposition" in: Uwe Bergmann, Rudi Dutschke, Wolfgang Lef??vre und Bernd Rabehl, "Rebellion der Studenten oder die neue Opposition", Reinbek 1968. Dort S. 174. Weiterhin abgek?rzt als Rebellion der Studenten.

6. Rudi Dutschke, "Die Widerspr?che des Sp?tkapitalismus, die antiautorit?ren Studenten und ihr Verh?ltnis zur Dritten Welt" in: Rebellion der Studenten, S. 40

7. Karl Marx, "Enth?llungen ?ber den Kommunisten-Proze?? zu K?ln", MEW, Band 8, S. 41

8. Dutschke, Rebellion der Studenten, S. 41

9. Dutschke, Rebellion der Studenten, S. 40 und 41.

10. vgl. Karl Marx, "Kritische Randglossen zu dem Artikel \'Der K?nig von Preu??en und die Sozialreform\' von einem Preu??en", MEW, Bd. 1, S. 406

11. Nicht von ungef?hr liest man in der Einf?hrung zum B?chlein von Bergmann, Dutschke usw.: "In diesem Buch soll versucht werden, eine m?gliche Strategie f?r eine au??erparlamentarische Oppositionsbewegung aufzuzeigen".

12. So buchst?blich in einem Flugblatt das am 26. November 1966 in der Berliner Universit?t verlesen wurde. Man sehe: Rebllion der Studenten, S. 22/23

13. Bernd Rabehl, Rebellion der Studenten, S. 176

14. Man sehe z, B. den Bericht "Die Septemberstreiks 1969", herausgegeben vom Institut f?r Marxistische Studien und Forschungen, Frankfurt am Main 1919, worin auf S. 59 den Gang der Ereignissse bei den Stahlbetrieben "Union" und "Phoenix" geschildert wird. In einem Spiegel-Interview gab damals der inzwischen verstorbene IG Metall-F?hrer, Otto Branner, zu, da?? er von den Septemberstreiks v?llig ?berrascht wurde

15. Wenn wir in diesam Zusammenhang vom "Bolschewismus" reden, dann meinen wir nicht irgendeine besondere politische Position, wie jene der DKP, der KP-ML oder sonstige entweder trotzkistischen oder maoistiachen Organisation, von welchen die antiautorit?re Bewegung sich immer, wenn auch nicht immer scharf genug, distanziert hat, sondern den Bolschewismus im allgemeinen. Wir beziehen uns auf eine Position, die wesentlich als bolschewistisch definiert werden kann.

16. Hartung, S. 34.

17. In "Was tun?" behauptete Lenin, ein "sozialistisches Bewu??tsein" k?nne den Arbeitern "nur von au??en her beigebracht werden"; aus derselben Zeit wie jener Brosch?re stammt der Aufsatz "Die dringendsten Aufgaben unserar Bewegung". Darin hie?? es: "Ohne politische Partei..., ist das Proletariat nicht imstande, sich zum bewu??ten Klassenkampf emporzuschwingen" (vgl. Lenin, "Ausgew?hlte Werke", Wien/Berlin 1932, Band 2, S, 52 und S. 14). In seinem Aufsatz "Ein Schritt vorw?rts, zwei Schritte zur?ck" (geschrieben 1904) nannte Lenin sich selbst nachdr?cklich einen Jakobiner und er charakterisierte dort seine Gegner als Girondisten (vgl. Lenin, "Ausgew?hlte Werke", Bd. 2 a.0. S. 436).
24.7.04 23:27
 


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